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Der Trick der alten Tante

Der Trick der alten Tante

Titel: Der Trick der alten Tante
Autoren: Wolfgang Ecke
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dazu sagte...
    Als Erika aus dem Badezimmer trat, sah sie Frau Stengel in äußerst kriegerischer Haltung vor ihrer geöffneten Zimmertür stehen.
    „Jaaaa, was ist denn das? Was sehe ich denn da, Fräulein Dürer? Sie haben ja das Fenster offenstehen. Hat das etwa gar die ganze Nacht offengestanden?“
    Allein die Art der drohenden Fragestellung hätte eine Lüge (Notwehr!) angeraten erscheinen lassen.
    Aber in der jungen Bibliothekarin regte sich der Widerspruchsgeist.
    „Ich schlafe immer bei offenem Fenster“, gestand sie.
    Alwine schnappte sichtbar getroffen nach Luft. Ihr Zeigefinger fuhr wie ein wild gewordener Perpendikel hin und her. „Aber nicht bei mir! Die Nachtkühle ist der Todfeind der Tapeten und Klaviere. Ich möchte Sie bitten, daß das Fenster in Zukunft nachts geschlossen bleibt.“
    „Bitte, Frau Stengel“, seufzte Erika und kam sich dabei vor wie eine Verliererin. Mit hocherhobenem Kopf schritt sie an Alwine vorbei und klinkte die Tür hinter sich zu. Was hätte sie wohl gesagt, wäre sie Zeuge des zufriedenen Händereibens und der gemurmelten Worte: „Das war der erste Streich!“ geworden?
    Sie kleidete sich an und verließ um 8 Uhr 10 die Wohnung. Das Café war für eine so frühe Stunde gut besucht, doch von Isolde gab es weit und breit keine Spur. Erika trank zwei Tassen Kaffee, knabberte lustlos an einem Hörnchen herum und ärgerte sich darüber, daß sie sich heute einen freien Tag genommen hatte.
    Der Versuchung jedoch, einfach in die Bibliothek zu gehen, widerstand sie ebenso wie der, sich bei jemandem auszuweinen. Das mußte sie allein durchstehen!!

    9 Uhr 50.
    Sie bemühte sich, die Wohnungstür leise aufzuschließen. Es gelang ihr, und sie huschte auf Zehenspitzen, mit den Schuhen in der Hand, in ihr Zimmer. Doch kaum drin, fiel ihr ein, daß sie vergessen hatte — wie vereinbart — , ihren Bruder anzurufen. Also, Schuhe wieder an und weniger laut hinaus.
    „Frau Stengel?“
    Alwine sagte weder „ja?“ noch „bitte?“, sie streckte nur den Kopf durch die Tür. Über jedem Ohr wackelte ein Lockenwickler.
    Erika zeigte in die Nische, wo neben einem Ohrensessel auf einem kleinen Tischchen ein Telefonapparat stand.
    „Dürfte ich bitte mal ein Ortsgespräch führen?“
    „Tut mir leid. Ich erwarte einen Anruf von meiner Nichte.“
    „Dann probier’ ich es später noch einmal. Danke!“
    Der Kopf verschwand aus der Tür und Erika aus dem Korridor.
    Sie nahm sich ein Buch vor und lauschte dabei nach draußen. Aber eine Stunde verging, ohne daß die Nichte anrief.

    Dann, 10 Uhr 55, klingelte es tatsächlich.
    Sie hörte undeutlich ihre Vermieterin murmeln, jedoch höchstens zehn Sekunden lang. Dann war auch schon wieder Ruhe. Komisch, das schien eine recht einsilbige Nichte zu sein. Nun, ihr war es recht.
    Erikas Hoffnung, Frau Stengels Laune würde sich mit fortschreitender Tageszeit bessern, erwies sich als Irrtum.
    „Dürfte ich jetzt telefonieren?“ fragte sie behutsam.
    „Tut mit leid, ich erwarte einen Anruf meiner Nichte!“ sagte der Kopf im Türspalt.
    „Schon wieder?“ entfuhr es der Bibliothekarin.
    Der Kopf schoß zehn Zentimeter nach vorn, die Augen schleuderten Speerspitzen. „Was heißt hier ,schon wieder’, mein Fräulein?“
    „Entschuldigung. Ich dachte, Sie hätten inzwischen telefoniert.“
    „Wissen Sie was, ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Fünf Häuser weiter gibt es eine Telefonzelle. Probieren Sie es dort einmal. Wieso arbeiten Sie eigentlich nicht?“
    „Ich habe heute einen freien Tag!“ antwortete Erika automatisch, um sich gleich darüber zu ärgern. Sie holte ihre Tasche, legte sich den Trenchcoat über die Schultern und spazierte zur Telefonzelle.

    15 Uhr.
    „Frau Stengel, das Klavier ist ja abgeschlossen?!“
    Alwine ließ die Lider flattern, und mit der Harmlosigkeit einer Sandviper erkundigte sie sich: „Sollte es das nicht, Fräulein Dürer?“
    Erika reagierte verwirrt: „Ja, ich dachte... ich meine, die Benutzung des…“ Alwine ließ sie nicht ausreden. „Lesen Sie Ihren Mietvertrag durch. Da steht nichts drin von Klavierbenutzung!“

    19. Mai, 18 Uhr.
    „Frau Stengel, ich hatte im Bad eine kleine Schüssel mit einer eingeweichten Bluse stehen. Ich wollte sie jetzt waschen, aber die Schüssel ist verschwunden.“
    Alwine riß die Augen übernatürlich weit auf. „Ja was, verschwunden ist sie? Und eine Bluse war das? Und ich habe das für ein antiquarisches Kopftuch einer Hottentottenwitwe gehalten, hihihi, ein

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