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Der Traum des Kelten

Der Traum des Kelten

Titel: Der Traum des Kelten
Autoren: Vargas Mario LLosa
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einer Sitzgelegenheit standen Roger und Gertrude nah beisammen, mit dem Rücken zum Sheriff und dem anderen Wachmann. Der Besucherraum mit vier Personen darin hatte etwas Klaustrophobisches.
    »Gavan Duffy hat mir erzählt, dass man dich entlassen hat«, sagte Roger bedauernd. »Das ist meine Schuld. Ich bedauere es unendlich, liebe Gee. Ich wollte auf keinen Fall, dass man dich mit hineinzieht.«
    »Sie haben mich nicht entlassen, sie haben mich gebeten, der Auflösung meines Arbeitsvertrags zuzustimmen. Und sie haben mir eine Entschädigung von vierzig Pfund gezahlt. Es macht mir nichts aus. So habe ich mehr Zeit, Alice Stopford Green in ihren Bemühungen zu unterstützen, dir das Leben zu retten. Das ist jetzt das Wichtigste.«
    Gee griff nach der Hand ihres Cousins und drückte sie liebevoll. Sie hatte viele Jahre an der Schwesternschule des Queen Anne’s Hospital in Caversham unterrichtet, wo sie zuletzt Vizedirektorin gewesen war. Sie hatte die Arbeit gemocht, etliche heitere Anekdoten in ihren Briefen an Roger zeugten davon. Jetzt hatte sie wegen der Verwandtschaft mit einem Geächteten ihre Stelle verloren. Wovon würde sie leben, wer würde ihr helfen?
    »Niemand glaubt an die infamen Dinge, die man über dich veröffentlicht«, sagte Gertrude plötzlich im Flüsterton, als könnte sie damit verhindern, von den beiden Wächtern gehört zu werden. »Alle respektablen Bürger sind empört, dass die Regierung sich solcher Verleumdungen bedient, um denoffenen Brief zu entkräften, mit dem so viele bedeutende Persönlichkeiten für dich eingetreten sind.«
    Ihre Stimme brach ab, als würde sie gleich losschluchzen. Roger umarmte sie erneut.
    »Du bedeutest mir so viel, Gee, liebste Gee«, wisperte er ihr ins Ohr. »Und jetzt mehr denn je. Ich bin dir zutiefst dankbar für die Treue, die du mir in guten wie in schlechten Zeiten gehalten hast. Deshalb ist mir deine Meinung so besonders wichtig. Du weißt, dass alles, was ich getan habe, für Irland war, nicht? Für eine große edle Sache wie die irische. Nicht wahr, Gee?«
    Leise schluchzend lehnte sie sich an seine Brust.
    »Von Ihren zehn Minuten sind fünf vorbei«, mahnte der Sheriff.
    »Ich habe jetzt viel Zeit zum Nachdenken«, flüsterte Roger seiner Cousine ins Ohr, »und oft erinnere ich mich an die Jahre in Liverpool. Wir waren so jung, Gee, und das Leben meinte es so gut mit uns.«
    »Alle glaubten, wir seien ein Paar und würden eines Tages heiraten«, flüsterte Gee. »Auch ich denke mit Wehmut an diese Zeit zurück, Roger.«
    »Wir waren mehr als ein Paar, Gee. Wir waren Geschwister, Komplizen. Die zwei Seiten einer Münze. Unzertrennlich. Du warst so vieles für mich. Die Mutter, die ich mit neun Jahren verlor. Die Freunde, die ich niemals hatte. Mit dir war ich zuversichtlich und fröhlich. Während all meiner Jahre in Afrika waren deine Briefe meine einzige Verbindung zum Rest der Welt. Du weißt nicht, wie glücklich mich deine Briefe machten und wie oft ich sie las und wieder las, Gee.«
    Er verstummte. Seine Cousine sollte nicht merken, dass auch er den Tränen nahe war. Von jeher war ihm, fraglos aufgrund seiner puritanischen Erziehung, jegliche öffentliche Zurschaustellung von Gefühlen ein Gräuel gewesen, doch in den letzten Monaten zeigte er bisweilen gewisse Schwächen, die ihm an anderen immer so missfallen hatten. Gee umarmte ihn weiter stumm, Roger spürte das flatternde Atmen ihrer Brust.
    »Du warst die Einzige, der ich meine Gedichte gezeigt habe. Erinnerst du dich?«
    »Ich erinnere mich. Sie waren furchtbar schlecht«, sagte Gertrude. »Aber ich hatte dich so gern, dass ich sie in den Himmel lobte. Eines habe ich sogar auswendig gelernt.«
    »Ich habe sehr wohl gemerkt, dass sie dir nicht gefielen, Gee. Zum Glück habe ich sie nie veröffentlicht. Du weißt, ich war kurz davor.«
    Sie blickten einander an und mussten lachen.
    »Wir tun alles, absolut alles, um dir zu helfen, Roger«, sagte Gee und wurde wieder ernst. Auch ihre Stimme war gealtert. Statt heiter und fest wie früher, klang sie nun matt und zögerlich. »Und wir sind viele, an erster Stelle natürlich Alice. Sie hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Briefe geschrieben, Behörden, Politiker, Diplomaten aufgesucht. An alle Türen geklopft, erklärt, gefleht. Sie hat eine Besuchserlaubnis beantragt. Es ist so schwierig. Nur Angehörigen wird sie bewilligt. Aber Alice hat gute Beziehungen, sie ist bekannt. Sie wird die Erlaubnis erhalten, und dann kommt sie dich

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