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Der Tote vom Maschsee

Der Tote vom Maschsee

Titel: Der Tote vom Maschsee
Autoren: Susanne Mischke
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Montag, 16. April
    Seit Amadeus fort ist, herrscht wieder Friede. Ein Friede,
der sich wie eine Niederlage anfühlt. Völxen ist in nachdenklicher Stimmung.
Ein wenig melancholisch sogar.
    Der Tag ist warm gewesen, ein Sommertag mitten im April. Über dem
jungen Gras der Schafweide hat sich Dunst gebildet, vergoldet von der
untergehenden Sonne. Man müsste ein Foto machen, denkt Völxen – grasende Schafe
zwischen Obstbäumen, umfriedet von einem malerisch verwitterten Bretterzaun, im
Hintergrund die sanft ansteigenden Wälder des Deisters. Eine Amsel flötet
herzzerreißend, im Haus jault eine Klarinette.
    Letzte Woche hat es Ärger mit Sabine gegeben. Amadeus, der
Schafbock, hatte eine Latte am Zaun gelockert, und die Schafe waren in den
Gemüsegarten eingedrungen. Nach Völxens Einschätzung hält sich der Schaden
allerdings in Grenzen, denn der Gemüsegarten ist um diese Zeit ohnehin nur ein
kahler Acker. Was macht es schon, wenn Saaten und Schößlinge ein wenig
durcheinandergeraten?
    Salomé blökt. Völxen atmet tief durch. Der April riecht nach
umgepflügter Erde, Dung und Zierkirschenblüten. Er befindet sich zwar nur
fünfzehn Kilometer südlich der Landeshauptstadt, aber dennoch in einer völlig
anderen Welt als der, in der er sich tagsüber bewegt: Gewalt, Tod, Akten. Wenn
er abends vor der Schafweide steht, kommt ihm diese Tagwelt vor wie von einem
anderen Planeten. Umgekehrt geht es ihm ähnlich, und manchmal beunruhigt ihn
diese schizophrene Lebensweise ein wenig. Vielleicht, so sinniert er immer
öfter, hätte ich Bauer werden sollen, wie mein Großvater. Der war Obstbauer und
Pferdezüchter, zu jeder Stunde des Tages, an jedem Tag der Woche.
    Nicht dass sich Völxen der Illusion hingegeben hätte, auf dem Land
sei das Leben stets beschaulich und harmonisch. Das nun nicht. Aber anders ist
es schon: langsamer, geordneter, überschaubarer. Die soziale Kontrollfunktion
einer Dorfgemeinschaft macht es möglich, in dem sicheren Gefühl verreisen zu
können, die Nachbarschaft werde ein wachsames Auge auf Haus und Hof haben. Das
gilt allerdings auch dann, wenn man nicht verreist. Egal was man tut, es wird
kommentiert, nichts bleibt verborgen. Als Völxen die Schafe angeschafft hat,
ist er von den Alteingesessenen des Dorfes gutmütig bespöttelt worden. Denn
auch nach achtzehn Jahren betrachtet man ihn noch als zugereisten Städter,
deshalb verzeiht man ihm die Marotte mit den Schafen, wenngleich das Experiment
mit Argusaugen verfolgt wird.
    Seit es die Schafe gibt, ist hier, hinter dem Holzschuppen am Zaun,
sein Lieblingsplatz. Es hat etwas Entspannendes, beinahe Meditatives, den
Tieren beim Grasen und Wiederkäuen zuzusehen. Die Schafe ihrerseits scheinen
ihn ebenfalls zu mögen. Zumindest erkennen sie ihn. Wenn er sich nähert,
trippeln ihm Doris, Salomé, Angelina und Mathilde freudig blökend entgegen.
Vielleicht liegt es auch am Zwieback, hinter dem sie her sind wie der Teufel
hinter der armen Seele.
    Â»Schönen guten Abend, der Herr Kommissar!« Jens Köpcke schlurft in
seinen ewig verdreckten Gummistiefeln heran, in jeder Hand einen Blecheimer,
über dessen Rand sich schillerndes Gefieder auffächert wie ein Blumenstrauß.
»Willst einen abhaben?« Köpcke stellt die Eimer hin und wischt sich die
Handflächen an der blutbefleckten blauen Arbeitshose ab, ehe er seinem Nachbarn
zur Begrüßung die Hand schüttelt.
    Â»Lass mal, Jens, lieber nicht.«
    Â»Die sind ganz frisch. Halten sich noch bis zum Sonntag«, versichert
Köpcke. Der Frührentner ist stolz auf seine Kleintierzucht.
    Â»Frag Sabine«, wehrt Völxen ab.
    Selbstverständlich hält sich Völxen stets vor Augen, dass Köpckes Viehzeug
ein artgerechtes, vielleicht sogar glückliches Leben führt, verglichen mit den
Millionen geschundener Kreaturen in den Massenställen dieser Welt. Auch ist ihm
klar, dass die Konsumgewohnheiten des Durchschnittsbürgers – also auch die
seinen – brutal sind, und nicht etwa sein Hühner schlachtender Nachbar. Dennoch
stimmt ihn der Anblick dieser prächtigen bunten Hähne, deren Krakeelen ihm seit
Monaten den Wecker ersetzt hat, mit einem Mal traurig.
    Â»Wie kann man bei der Mordkommission arbeiten und so empfindlich
sein?« Jens Köpcke schüttelt den breiten grauen Schädel.
    Bodo Völxen, Erster Hauptkommissar des Dezernats

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