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Der tote Moench

Der tote Moench

Titel: Der tote Moench
Autoren: Marco Sonnleitner
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Aus der Traum
    Das war sie. Peter wusste es sofort. Sein Herz begann heftig zu schlagen, und das Blut stieg ihm in den Kopf. Er sah sie noch einmal an, aber es konnte keinen Zweifel geben. Sie war es.
    Die perfekte Welle.
    Mit kraftvollen Zügen kraulte er weiter aufs Meer hinaus. Jetzt nur keinen Fehler machen! Die Sonne schien ihm in den Rücken, das war gut. Der Wind hatte nachgelassen. Plötzliche Böen waren im Moment nicht zu befürchten. Er sah kurz zum Strand, wo eine bunt getupfte Menge unruhig hin und her wogte. Zahllose Fahnen wurden geschwenkt, gerade vor allem amerikanische. Auf einem riesigen Transparent las er flüchtig seinen Namen, und einmal glaubte er ihn sogar zu hören. Aber das bildete er sich sicher nur ein, so weit draußen, wie er war.
    Die Welle baute sich auf. Mit einem dunklen Rauschen rollte sie auf ihn zu, wurde höher und immer höher. Erste Gischtfetzen leckten über den Kamm, und ganz außen überschlug sich die Wand bereits. Aber hier in der Mitte würde die Welle gigantisch werden. Peter musste nur noch den richtigen Einstieg finden, das war alles, worauf es jetzt ankam.
    Noch ein paar letzte, kräftige Armzüge, dann war es so weit. Der Himmel verdunkelte sich, als die Wellenwand vor ihm aufstieg. In Sekundenbruchteilen war sie über ihm, hob ihn wie ein Spielzeug in die Höhe und wollte sich auf ihn herabstürzen. Aber genau im richtigen Moment schnellte Peter auf die Füße, balancierte seinen Stand geschickt aus und schob das Brett in den idealen Winkel zum Wellenhang. Die Kraft des Wassers erfasste ihn, und für den Bruchteil einer Sekunde wackelte Peter. Doch eine kurze Bewegung mit dem Oberkörper und er hatte einen sicheren Stand gefunden.
    Von da an war es das pure Vergnügen. Wie im Rausch ritt Peter auf dem Wellenberg, machte enge Kehren, stob empor zum Kamm und raste wieder in die Tiefe. Er wurde eins mit der Welle und wusste intuitiv, wie er sich bewegen musste.
    Dann sah er den Tunnel vor sich. Die Welle überschlug sich und bildete eine große Röhre, die sich wenige Meter vor ihm auftat und sich rasend schnell entfernte. Da hinein musste er. In diesen nassen, dröhnenden Stollen aus sich herabstürzendem Wasser. Und er musste so lange wie möglich hindurchfahren, um die Jury zu beeindrucken. Dann würde er sicher gewinnen. Er, Peter Shaw aus Rocky Beach, würde Weltmeister im Wellenreiten werden!
    Das war seine Chance, die Chance seines Lebens! Peter ging weiter in die Knie, beugte den Oberkörper nach vorne und tauchte in den blauen Tunnel ein.
    Jetzt hörte er sogar tatsächlich seinen Namen, trotz der donnernden Wassermassen! Die Menge musste toben. »Peter!«, riefen sie. »Peter!« Ein unbändiges Glücksgefühl durchströmte ihn. Er war der Held der Stunde!
    »Peter!«
    Sie feuerten ihn an, während er pfeilschnell durch die Wasserröhre schoss.
    »Peter, hörst du?«
    Ein merkwürdiger Schlachtruf.
    Der Tunnel wurde enger. Bald würde er hinausfahren müssen. Aber Peter wollte jede Sekunde nutzen.
    »Hallo, Peter!«
    Plötzlich berührte ihn irgendetwas, packte ihn. Die Welle? Womöglich ein Fisch, ein Hai? Doch dann sah Peter undeutlich ein Gesicht, blass, verschwommen. Konnte das ...
    ›Eine Wasserleiche!‹, schoss es ihm durch den Kopf! ›Sie zieht mich zu sich hinab!‹
    »Peter! Hallo! Ich glaube, der ist bewusstlos.«
    Peter geriet in Panik. Die Leiche ließ ihn nicht los. Sie zerrte immer fester an ihm. Schon drohte er vom Brett zu kippen. Dann explodierte dicht neben seinem Ohr eine Stimme: »He, du Schlafsack! Aufwachen! Aufwachen!«
    Der Tunnel löste sich in Nichts auf. Das Wasser, die Sonne, der Strand, die Leiche, alles verschwand.
    Peter schoss erschrocken in die Höhe. »Was? Wie? Wo?«
    »Mann, wo warst du denn?«
    Der Strand war wieder da. Auch das Meer. Aber es war vollkommen ruhig. Keine einzige Welle kräuselte sich auf der spiegelglatten Oberfläche. Die auch frei von Wasserleichen war. Und aus der jubelnden Menge waren ein paar vor sich hin dösende Strandbesucher geworden. Nur die Stimme war immer noch da.
    »Na, wieder unter den Lebenden?« Bob grinste verschmitzt.
    Peter starrte seinen Freund verwirrt an. Einen Moment dauerte es noch, dann begriff er. »Oh Mann! Bob!«, stöhnte er und wischte sich übers Gesicht. »Konntest du nicht noch eine Minute warten? Eine Minute!«
    »Warten? Worauf denn?«
    »Na, bis der Traum zu Ende ist.«
    Bob zwinkerte Justus verschwörerisch zu, der schon damit begonnen hatte, seine Badesachen

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