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Der Teufel von Herrenhausen

Der Teufel von Herrenhausen

Titel: Der Teufel von Herrenhausen
Autoren: Marion Griffiths-Karger
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EINS
    Charlotte hatte
nicht oft die Gelegenheit, in einer Frauenzeitschrift zu blättern. Sie saß im
Eiscafé San Marco an der Lister Meile und wartete auf ihre Freundin Miriam, die
sich wie immer verspätete. Eine Tischnachbarin hatte ihr das Magazin großzügig
überlassen. Sie sei fertig damit, hatte sie gesagt und dabei offengelassen, ob
sie damit diese spezielle Zeitung oder Frauenzeitschriften im Allgemeinen
meinte.
    Charlotte quälte
sich gerade durch einen Artikel über die sogenannte Insulindiät, als Miriam
sich schnaufend auf den Stuhl neben ihr fallen ließ.
    »Tut mir echt
leid«, japste sie, »aber Dominic hat mal wieder Bronchitis, und meine Mutter
kriegt ihn einfach nicht zur Ruhe. Als ich losgefahren bin, schlief er. Mit ein
bisschen Glück haben wir eine Stunde Zeit zum Quatschen.«
    Charlotte legte
das Magazin auf den freien Stuhl zur Linken und drückte ihrer Freundin einen
Kuss auf die Wange. »Kein Problem, jetzt bist du ja da.«
    Miriam griff zur
Eiskarte. »Meine Güte, ich brauch sofort einen Berg Schokoladeneis mit einem
Kubikmeter Schlagsahne obendrauf.«
    »Ich dachte, du
diätest«, grinste Charlotte.
    »Hör bloß auf
damit«, schnaubte Miriam, während sie der Kellnerin winkte. Sie gab ihre
Bestellung auf und sank dann aufatmend in die Rückenlehne.
    Die Julisonne
hatte die Bewohner der List in Scharen auf ihre Einkaufsmeile gelockt. Im Café
und in den Geschäften herrschte Hochbetrieb.
    »Ich sage dir«,
seufzte Miriam und legte die Hände über ihren immer noch ausladenden Bauch, »es
ist gut, dass man das alles nicht weiß, bevor man sich für ein Kind
entscheidet.«
    »So schlimm?«,
fragte Charlotte und nahm einen Schluck von ihrem Eiskaffee.
    »Wahnsinn«, sagte
Miriam in schleppendem Ton, als würde sie gleich einschlafen.
    In diesem Moment
stellte die Kellnerin einen mit einer Ananasscheibe garnierten Eisbecher von
der Größe eines Bowlegefäßes auf den Tisch, und Miriam machte sich sofort
darüber her.
    »Nur keine Panik«,
sagte Charlotte staunend, »es schmilzt nur, du kannst es dann immer noch
löffeln.«
    »Hast du ‘ne
Ahnung«, sagte Miriam mit vollem Mund. »Jede Sekunde kann das Handy klingeln,
und dann war’s das.« Dabei schaufelte sie unermüdlich weiter, als hätte sie die
letzten Monate ohne Nahrung in der Wüste Gobi zugebracht.
    Charlotte
schüttelte sachte den Kopf. Seit ihre Freundin vor einem halben Jahr Mutter
geworden war, hatten sie noch weniger Zeit füreinander als früher. Heute war
das erste Treffen seit über vier Wochen. Das letzte hatte in Miriams Reihenhaus
in Bemerode stattgefunden und war in wütendem Babygeschrei untergegangen.
    »Wie soll das denn
gehen, wenn du wieder arbeitest?«, fragte Charlotte, während sie den Rest Sahne
aus ihrem Glas löffelte.
    »Keine Ahnung«,
sagte Miriam mit einem gequälten Blick auf die verbliebene Mischung aus
Vanille- und Schokoladeneis, Sahne und frischen Früchten in ihrem Bowlegefäß.
    »Ich glaube, mir
ist schlecht.«
    »Kein Wunder, wenn
du so schlingst«, sagte Charlotte und blickte gedankenverloren einem jungen
Mädchen in schwarzen Leggings und dunkelgrünem Hängerchen hinterher. Ihre Beine
waren aufsehenerregend dünn. Irgendwie kam sie ihr bekannt vor, aber die
dunklen, glatt gebügelten Haare gehörten ja wohl auch zur allgemeinen
Teenageruniform. Bevor Charlotte sich weiter Gedanken darüber machen konnte,
woher sie das Mädchen kannte, klingelte ein Handy.
    »Nein«, seufzte
Miriam und schloss die Augen.
    »Beruhige dich, es
ist meins«, sagte Charlotte und kramte ihr Handy aus ihrer Jackentasche.
    »Ja«, sagte sie
und blinzelte in die Sonne. Eine Minute später war sie an der Reihe zu seufzen.
    »Tut mir echt
leid, aber ich muss gehen.«
    »Das ist nicht
dein Ernst«, sagte Miriam, die ihre Übelkeit überstanden und ihren Eisbecher so
gut wie erledigt hatte.
    »Doch«, sagte
Charlotte und winkte der Kellnerin.
    »Ich hatte mich so
auf diesen Nachmittag gefreut. Hast du eine Ahnung, wie oft ich die Chance hab,
mich ohne Kindergeschrei mit jemandem über irgendwas zu unterhalten, das nichts
mit Kindern zu tun hat?«
    Charlotte zuckte
mit den Schultern und legte einen Fünf-Euro-Schein auf den Tisch. »Was soll ich
machen?«
    »Wann planen wir
dann unseren Ostseetrip? Es ist schon Ende Juli, was glaubst du, wie lange das
Wetter sich hält?«
    »Wird schon
klappen.« Charlotte war aufgestanden und drückte ihrer Freundin einen Kuss auf
die Wange. »Ich ruf dich an.«
    »Ja, klar«,
seufzte

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