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Der stille Schrei

Der stille Schrei

Titel: Der stille Schrei
Autoren: Leon Specht
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Silbenverwechslung. Schüttelreime. Die einzigen Reime, die Karl beherrscht. „Das Leben ist mir hässlich grau, wenn ich mein Weib nicht grässlich hau.“ Sein böses linkes Auge funkelte dann besonders intensiv. „Auch ist’s für mich ein schlechter Tag, wenn ich nicht meine Töchter schlag.“ Gott sei Dank nicht. Nie! Jedenfalls nicht mit Karl.
    Mir war schlecht. Ich bog rechts ab in eine Nebenstraße und hielt an. Sollte ich aussteigen? Das Fenster runterzukurbeln reichte doch auch. Immer diese nervigen streitigen Stimmen. Konnten sie sich nicht endlich einmal einigen?
    Dann entschied ich mich doch auszusteigen. Ich lehnte mich an das Auto, weil die Übelkeit einfach nicht nachlassen wollte. Als ich kleine schwarze Sternchen vor meinem Auge sah, blickte ich auf. Goldene Sterne blitzten mich an. Ein Saunazentrum warb um Besucher. Einer der Gäste ging an mir vorbei. Lüsterne Blicke richteten sich auf mich. Ich verstand. Voller Ekel wandte ich mich ab.
    Langsam dämmerte mir etwas. Lisa hatte wohl mehr Recht, als ich ihr einräumen wollte. Dieser Dr. Bring bewirkte etwas. Nur sehr wenige Fragen. Aber alle zielführend. Das Schweigen. Wie ein Vakuum, das einen Sog von Veränderungen erzeugte. Man konnte nicht mehr dort stehen bleiben, wo man zuvor gewesen war. Nur scheinbar war alles verwirrt. Sogar so sehr, dass einem übel wurde. Wie ein Tümpel, durch den ein Unwetter hindurchtobt und alles aufwirbelt. Schlamm, der aufsteigt. Algen. Schlingpflanzen. Wasserkraut. Der Sturm zieht weiter, und das Wasser klärt sich langsam. Die Schadstoffe sinken zu Boden.
    „Kommen Sie nun in das Saunazentrum?“ Die Stimme eines Mannes drang durch die Trübstoffe hindurch.
    Ich schaute ihn entsetzt an. „Mann, kapieren Sie gar nichts?“
    „Was ist denn mit Ihnen? Ich habe Sie doch ganz höflich gefragt. Dann eben nicht.“ Er schüttelte den Kopf, seine kleine Nickelbrille wackelte entrüstet auf seiner pickligen Nase, und er ging beschwingten Schrittes auf die Saunaanlage zu. Ein laufender Meter und siebzig Zentimeter.
    Luft. Ich brauchte Luft. Ganz tief atmete ich ein. Mehrfach hintereinander. Fast schon hyperventilierend. War ich durch den Wind! Wieso ließ ich mir von einem solchen laufenden Meter meinen Schneid abkaufen? Das wäre mir früher nicht passiert.
    Dieser Impuls tat mir gut. Ich spürte, wie schwach ich war, aber gleichzeitig auch, dass ich noch Reserven hatte. Benommen ging ich die wenigen Schritte zu meinem Auto. Die Übelkeit war zum Glück verschwunden. Ich stieg ein und fuhr nach Hause

BURGJOSS
    In Burgjoss angekommen,   nahm ich die letzte leichte Kurve und Steigung mit Vorsicht. Die Straße war leicht gefroren. Ich fuhr die Frankfurter Straße entlang, bis die Abzweigung ganz scharf nach links und wirklich steil nach oben in die Hainbuchenstraße führte. Mein Kopf vibrierte und assoziierte. Hain. Heim. Diese Ironie. Weder das eine noch das andere stimmte. Nichts stimmte. Die Straße führte weiter nach oben und hatte hier gar keinen Namen mehr. Buchen waren auch nicht zu sehen.
    Karl hatte – ja, mein Mann hieß Karl. Karl Heumann-Röder. Heumann Ex- und Import. Wie soll ich diese Geschichte erzählen, wo ich doch diesen Namen nicht sagen darf? Ich hatte meinen Mädchennamen nach der Hochzeit behalten. Etwas hatte mich gewarnt. Er hatte es mir vor der Hochzeit versprochen, und es war durch das Standesamt bestätigt und besiegelt worden. Das Dorf nannte mich immer noch Frau Röder. Mein Vorname war verschwunden und ich wollte den Namen von Karl nicht mehr aussprechen. Das Unaussprechliche durfte man nicht sagen.
    Aber der Staudamm war bei Dr. Bring gebrochen. Nun konnte, durfte, nein: musste ich den Namen sagen. Den Namen des Teufels aussprechen. KARL. Mein Mann. ER hatte hier dem Bürgermeister der Gemeinde ein riesengroßes Feldgrundstück für einen Apfel und ein Ei abgeluchst. Im Gegenzug versprochen, einen Teil der Gewerbesteuer durch eine Umsiedelung eines Teils der Firmen hier zuzuführen, einige Arbeitsplätze garantiert und noch eine kleine Spende für den örtlichen Fußballclub abgeliefert. Nun prangte sein Schild neben 39 anderen auf dem Vereinsheim des VfB Oberndorfs, der trotz unglaublichen Engagements leider nur in der letzten Regionalliga spielen durfte.
    Der Bürgermeister hatte ihm aus der Hand gefressen und gar nicht bemerkt, welchen Schmutz er dabei verdauen musste. Karl hatte es eines Abends heiter und beschwingt, gleichwohl mit blutig unterlaufenen Augen, nach der siebten
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