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Der Sommernachtsball

Der Sommernachtsball

Titel: Der Sommernachtsball
Autoren: Stella Gibbons
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1. KAPITEL
    Es ist gar nicht so einfach, einen ausgesprochen langweiligen Garten anzulegen, aber Mr Wither war dies gelungen.
    Er pflegte das Grundstück unweit von Chesterbourne, Essex, auf dem sein Haus lag, natürlich nicht selbst, aber sein Desinteresse und seine Abneigung, Geld für Pflege und Erhaltung des Gartens auszugeben, blieben nicht ohne Einfluss auf den Gärtner. Das Ergebnis waren ein kümmerlicher Rasen, ein weitläufiger Steingarten mit kaum etwas darin und etliches langweilige Gesträuch, das Mr Wither praktisch fand, weil es pflegeleicht war und Platz einnahm. Vor allem sollte alles ordentlich sein. Was für eine Plage diese Gänseblümchen doch sind, dachte er, als er eines schönen Aprilmorgens am Fenster des Frühstückszimmers stand. Elf Stück wuchsen mitten auf seinem Rasen. Man musste Saxon anweisen, sie zu entfernen.
    Mrs Wither kam herein. Er beachtete sie nicht, denn er kannte sie ja. Sie nahm an einem der Gedecke Platz. In diesem Moment ertönte in der Diele ein Gong, worauf Mr Wither mit schwerem Schritt den Raum durchmaß und am anderen Ende des Tisches Platz nahm. Dann schlug er die Morning Post auf. Mrs Wither reichte ihm eine Tasse Tee und eine Schüssel mit Marken-Frühstücksflocken, die sich in Geruch und Geschmack nicht von allen anderen Frühstücksflocken unterschieden. Drei Minuten vergingen. Mrs Wither nippte an ihrem Tee und starrte über Mr Withers bis auf zwei einsame Haarsträhnen kahlen Schädel hinweg auf eine Amsel, die unter der Chilefichte herumstolzierte.
    Mr Wither blickte langsam auf.
    »Die Mädchen sind schon wieder unpünktlich.«
    »Sie kommen ja gleich, Lieber.«
    »Sie sind unpünktlich. Dabei wissen sie ganz genau, wie viel Wert ich auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten lege.«
    »Ich weiß, Lieber, aber Madge hat verschlafen, weil sie gestern nach dem Tennis todmüde war, und Tina ist noch …«
    »Zupft noch an ihrer Frisur herum wie immer, nehme ich an.«
    Mr Wither wandte sich wieder der Zeitung zu, und Mrs Wither nippte erneut am Tee und starrte aus dem Fenster.
    Madge, die ältere Tochter, kam herein. Sie rieb sich die Hände.
    »Morgen, Mama. Entschuldige die Verspätung, Vater.«
    Mr Wither antwortete nicht, und sie setzte sich. Sie war neununddreißig Jahre alt, eine wuchtige Frau mit groben Gesichtszügen, einem kurz gestuften Bubikopf und unverschämt roten Backen, die am liebsten Tweedkostüme trug.
    »Wie kannst du bloß dieses Sägemehl essen, Vater?«, bemerkte sie und machte sich über Eier und Speck her. Ihre Stimme klang fröhlich, denn es war ein schöner Morgen und erst zehn nach neun. Zu Beginn eines Tages bestand immer die Möglichkeit, dass er anders wurde als all die anderen. Vielleicht passierte ja mal was. Und dann wäre alles viel netter.
    Madge befasste sich nie eingehender mit ihrem Gefühlsleben; sie wusste nur, dass sie beim Frühstück immer bessere Laune hatte als beim Abendessen.
    Mrs Wither lächelte schwach. Mr Wither schwieg.
    Durch die weite geflieste Eingangsdiele näherten sich eilige, aber sichtlich widerwillige Schritte, und schon tauchte Tina auf, mit rosa geschminkten Lidern. Das dünne, glanzlose Haar war seitlich gescheitelt und hing ihr wie immer in einer schlaffen, welligen Tolle ins schmale kleine Gesichtchen, für das Augen und Mund viel zu groß zu sein schienen. Sie war fünfunddreißig und trug – offenbar um sich selbst eine Freude zu machen – ein hübsches grünes Kostümchen mit einer weißen Rüschenbluse. Sie hatte zierliche kleine Hände, deren Nägel, passend zum Lidschatten, hellrosa lackiert waren.
    »Guten Morgen. Entschuldige die Verspätung, Vater.«
    Mr Wither nahm seine kurzen, stämmigen Beine – die erstaunlicherweise in einer Hose mit Schottenkaro steckten – auseinander und überkreuzte sie erneut, blickte aber nicht auf. Mrs Wither lächelte ihrer Tochter zu und sagte leise:
    »Sehr hübsch, Liebes.«
    »Was? Wie?« Mr Withers blutunterlaufene, blassblaue Augen mit den dicken Tränensäcken richteten sich unversehens auf Tina.
    »Ach – bloß mein neues Kostüm, Vater.«
    »Neu, was?!«
    »Ja – äh – ja.«
    »Wozu denn neue Kleider? Du hast doch schon genug!« Mr Wither vertiefte sich wieder in den Wirtschaftsteil.
    »Speck, Tina?«
    »Ja, bitte.«
    »Eine oder zwei Scheiben?«
    »Och, bloß eine, bitte. Nein – die kleine da. Danke.«
    »Du isst viel zu wenig!«, meinte Madge missbilligend. Sie bestrich sich eine Scheibe Toast mit Butter. »Das steht dir nicht. Du bist doch

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