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Der Sohn des Kreuzfahrers

Titel: Der Sohn des Kreuzfahrers
Autoren: Stephen R. Lawhead
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mit weichen Knien meine ersten Schritte in die Höhle hinein, denn als solche betrachte ich die Kammer nun: als riesige unterirdische Höhle, ein gigantischer Hohlraum tief unten im Felsgestein. Drei Schritte gehe ich in die Dunkelheit hinein, dann bleibe ich stehen. Ich fühle mich nicht länger sicher auf den Beinen. Eine leichte Benommenheit breitet sich in meinem Kopf aus, und ich habe das Gefühl, auf dem Wasser zu treiben.
    Trotzdem atme ich tief durch und gehe weiter.
    Vorsichtig drehe ich mich zunächst nach links, dann nach rechts. Von rechts glaube ich, einen Luftzug zu spüren, und so beschließe ich, in dieser Richtung weiterzusuchen. Ich folge nur einer Ahnung, weiter nichts, doch nach einem guten Dutzend Schritten wird mein Entschluß belohnt, und ich erreiche eine Stufe.
    Ich beuge mich vor und ertaste die Stufe mit meinen Händen; hinter ihr folgen weitere. Ich steige die ersten drei empor, dann die nächsten drei, dann noch eine und erreiche eine Plattform, von der ich vermute, daß sie aus der Höhlenwand herausgehauen worden ist.
    Ich spreche ein Wort und komme anhand des Echos zu dem Schluß, daß ich die große Kammer verlassen und einen angrenzenden kleinen Raum betreten habe - eine Art Vestibulum. Wie ein Blinder strecke ich die Hände vor, um den Weg zu ertasten - durch meine verbundenen Augen bin ich tatsächlich blind -, und erkunde mit schlurfenden Schritten die Kammer, zu der ich emporgestiegen bin.
    Mittlerweile dreht sich alles in meinem Kopf. Ich fühle mich nicht länger nur leicht benommen, sondern zunehmend schwindlig. Meine Sinne bleiben jedoch wach. Ich habe das Gefühl, als würde ich im Dunkeln glühen - ja geradezu, als würde ich Funken versprühen. Mein Gehör ist scharf, doch es gibt nichts zu hören mit Ausnahme meines eigenen Atems. Da man mir nichts Gegenteiliges befohlen hat, beschließe ich, die Augenbinde abzunehmen.
    Wie erwartet gibt es hier unten kein Licht. Die unterirdische Dunkelheit ist vollkommen. Sie umschließt mich wie eine zweite Haut, legt sich so eng um meinen Körper, daß sie beinahe ein Teil von mir zu sein scheint. Auch wenn ich dadurch noch immer blind bin, so sind meine Sinne doch lebendig und voller Erwartung - oder wahrscheinlicher: Die seltsamen Substanzen, die man mir zu trinken, zu essen und zu rauchen gegeben hat, beginnen allmählich zu wirken. Ich habe das Gefühl, als würde ich fliegen.
    Ich fahre mit meiner Untersuchung fort und entdecke, daß die Wände des Vestibulums glatt und rund sind; wie vermutet hat man die Kammer aus der Höhlenwand herausgehauen. Kein Hindernis beeinträchtigt meine Bewegungen, während ich mit meinen Händen untersuche, was ich als die Rückwand des Vestibulums betrachte. Und dann.
    Meine Finger streichen über den Rand einer Öffnung. Ich spüre den geschwungenen Rand eines Vorsprungs. Rasch ertaste ich die
    Umrisse der Öffnung in ihrer Gänze. Es handelt sich um eine Nische, breiter als hoch, und mit einem leicht hervorragenden Unterboden.
    Ich greife hinein. Sie ist nicht tief. Ich taste nach der Rückwand der Nische, wobei ich mit der Hand über den Boden streiche.
    Meine Fingerspitzen berühren etwas Kaltes, Hartes.
    Der Gegenstand paßt genau in die Nische. Ich vermute sogar, daß die Nische mit dem Gedanken angefertigt worden ist, eben diesen Gegenstand hier unterzubringen. Könnte es das sein, was ich hier unten finden sollte?
    Ich fahre fort, den Gegenstand zu untersuchen. Er ist lang und dünn, und seine Härte und Kälte lassen nur den Schluß zu, daß es sich um Metall handeln muß. Ich nehme ihn in die Hand und hebe ihn vorsichtig aus der Nische; ich halte ihn mit beiden Händen, um sein Gewicht abzuschätzen. Das bringt mich zu dem Schluß, daß der Gegenstand entweder aus Eisen oder Bronze besteht, und seiner Länge und Form nach zu urteilen, glaube ich, einen Rechen oder eine Hacke in der Hand zu halten. Aber nein, dafür ist er zu dünn - der Umfang ist zu gering, als daß man ihn als Werkzeug hätte benutzen können -, und er ist bei weitem zu schwer. Die Oberfläche ist uneben, doch ich vermag weder Muster noch Markierungen zu erkennen.
    Als ich mit der Hand über den Metallstab streiche, bemerke ich, daß er nicht vollkommen gerade ist: Auf dem Weg zu seinem stumpfen, abgerundeten Ende biegt sich das Metall leicht durch. Ich wende meine Aufmerksamkeit dem anderen Ende zu und entdecke, daß der zylindrische Stab an jener Stelle dünner wird, die ich als die Spitze betrachte. Schließlich

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