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Der Sohn des Kreuzfahrers

Titel: Der Sohn des Kreuzfahrers
Autoren: Stephen R. Lawhead
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Tagen gemacht habe. Wenn ich alles niederschreibe, wird mir das vielleicht dabei helfen, mich zu vergewissern, daß ich nicht dem Wahnsinn verfallen bin. Die Ereignisse, von denen ich berichten werde,  sind  geschehen - glaubt mir.
    Ich beginne.
    Die Einladung kam wie immer - ein einzelnes Klopfen an der Tür meines Arbeitszimmers und eine Notiz ohne Siegel oder Unterschrift und mit nur zwei Worten auf dem Papier: Heute nacht.
    Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, daß ich die nächsten Stunden damit verbracht habe, mich meiner Verpflichtungen für den Tag zu entledigen, und daß ich mich zur gegebenen Zeit auf den Weg zu dem vereinbarten Treffpunkt gemacht habe. Verzeiht mir, wenn ich die Lage dieses Ortes nicht preisgebe. Es genügt zu sagen, daß es sich um eine kleine Kirche in der Nähe der Stadt handelt, die man ohne Probleme per Droschke erreichen kann. Wie immer, so entlohnte ich den Kutscher auch diesmal für seine Mühen, gab ihm Anweisungen für seine Rückkehr und legte die letzten ein, zwei Meilen zu Fuß zurück. Nicht anders als meine Brüder, so pflege auch ich jedesmal einen anderen Weg zu nehmen und niemals den gleichen Kutscher zu engagieren, um keinen unnötigen Verdacht zu erregen.
    Obwohl die Kirche unscheinbar wirkt - sie besteht aus dunkelgrauem Stein und ist auf traditionelle Weise eingerichtet -, kann ich Ihnen versichern, daß sie in Wahrheit uralt und alles andere als traditionell ist. Nachdem ich sie betreten hatte, verweilte ich kurz zum Gebet in einer der Chorkapellen, bevor ich meine graue Robe aus der Sakristei holte und mich über die hinter dem Altar verborgenen Stufen auf den Weg hinab in die Krypta machte, wo unsere geheimen Anrufüngen stattfinden.
    In den unteren Räumen riecht es nach Staub und schwach auch nach Fäulnis. Es ist sehr dunkel dort. Wir vertrauen einzig auf Kerzenlicht, und auch dieses setzen wir nur spärlich ein. Ich habe keine Angst; ich habe im Laufe der vergangenen Jahre schon an vielen Versammlungen der Bruderschaft teilgenommen, und so bin ich mit den verschiedenen Sitten und Bräuchen unserer Gruppe vertraut.
    Für gewöhnlich treffe ich als einer der ersten ein. Heute nacht jedoch spüre ich, daß die anderen bereits auf mich warten, während ich mich ducke, um die innere Kammer zu betreten. Ich entschuldige mich zaghaft für meine Verspätung, doch Genotti (an dieser Stelle sollte ich vielleicht anmerken, daß alle Namen, die ich in dieser Erzählung erwähne, verändert worden sind, um die Anonymität der Mitglieder der Bruderschaft zu wahren) versichert mir, daß ich keinesfalls zu spät sei und daß es sich bei dem heutigen Treffen um einen besonderen Anlaß handele.
    »Wir haben unser Kolloquium bereits vergangene Nacht begonnen«, berichtet mir Genotti. »Bis jetzt war Ihre Anwesenheit jedoch nicht erforderlich.«
    »Ich verstehe.«
    Eine andere Stimme sagt: »Seit nunmehr sechs Jahren, glaube ich, sind Sie ein treues Mitglied des Konzils der Brüder.« Das ist Evans, unsere Nummer Zwei oder Zweiter Prinzipal. »Während dieser Zeit haben wir Sie ohne Unterlaß beobachtet und nach jedem Anzeichen von Unredlichkeit Ausschau gehalten, sei es auch noch so klein.«
    »Ich hoffe, ich habe Sie nicht enttäuscht.«
    »Im Gegenteil: Sie haben uns über die Maßen beeindruckt. Unsere Bewunderung für Sie ist nur größer geworden.«
    Eine dritte Stimme spricht aus der Dunkelheit: »Vor Ihnen sind schon viele in die Bruderschaft gerufen worden.« Das ist Kutsch; sein österreichischer Akzent verrät ihn. »Doch noch nie hat sich jemand einer höheren Ehre als würdig erwiesen ... bis jetzt.«
    Bei dem Wort >Ehre< verspüre ich einen Stich. Ich erinnere mich daran, daß dieses Wort nur einmal bei einer ähnlichen Gelegenheit verwendet worden ist: als man mich gebeten hat, der Bruderschaft beizutreten.
    »Ich war mir nicht bewußt, daß es noch eine höhere Ehre gibt«, erwidere ich.
    »Für jene, die es erdulden durften«, informiert mich Zaccaria mit ruhiger Stimme, »war das Martyrium eine Ehre.«
    »Werde ich zum Märtyrer?«
    Es ist De Cardou, der mir darauf antwortet. »Wir alle sind Märtyrer, mein Freund. Es ist nur der Sinn des Martyriums, was den einen vom anderen unterscheidet.«
    Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll, und so folgt ein längeres Schweigen. Ich habe das Gefühl, daß sie mich beobachten, daß sie mich im Dunkeln sehen können, auch wenn ich sie nicht sehen kann.
    Es ist Pemberton, der das Schweigen schließlich beendet.

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