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Der schwarze Magier

Der schwarze Magier

Titel: Der schwarze Magier
Autoren: Susan Hastings
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eine backofenförmige Kammer neben der Küche, wurde nur selten beheizt.
    Nach der Prim, die beim ersten Tageslicht abgehalten wurde, versammelten sich alle im Kapitelsaal, wo die Arbeit eingeteilt wurde. Doch Rupert hatte Pech. Zum wiederholten Male musste er die Latrine säubern, die sich gleich neben dem Dormitorium befand. Mit Todesverachtung schleppte er Kübel mit Wasser vom Brunnen herbei, um die Latrinengrube zu spülen. Alles floss über eine Rinne unter der Klostermauer hindurch den Abhang hinab, wo auch der Müll aus der Küche hinausgeworfen wurde. Besonders im Sommer drang von dort ein übler Gestank bis ins Dormitorium.
    Rupert pfiff laut, als er mit den schwappenden Wassereimern zur Latrine ging. Er hatte Glück, keiner der Mönche befand sich hinter dem Holzverschlag. Einmal hatte er Bruder Andreas überrascht, wie er sich, über den Balken gebeugt, selbst befriedigte. Rupert wusste, dass Andreas dafür streng bestraft werden würde und dass es Ruperts Pflicht war, dies beim Abt zu melden. Warum Rupert es nicht getan hatte, konnte er selbst nicht sagen, doch er bereute es schon bald. Bruder Andreas dankte Ruperts Verschwiegenheit, indem er Rupert bei jeder Gelegenheit in die Arme zog, ihn streichelte und küsste und ihm heiße Dankesworte zuflüsterte.
    »Hör auf damit, ich hasse das«, hatte Rupert den Mönch angefaucht, der überhaupt nicht begriff, warum Rupert ihn derart brüsk zurückwies.
    »Du musst ihn verstehen«, klärte Luke ihn auf. »Bruder Andreas ist schon häufig denunziert worden, weil er auf der Latrine… na, du weißt ja. Aus dem Grund hat der Abt angeordnet, dass keiner allein auf die Latrine gehen darf. Weil Andreas mehrmals erwischt wurde, haben sie ihn gegeißelt.«
    »Nur deshalb?«
    Luke nickte. »Das reicht doch. Es ist eine Sünde. Hieronymus hat ihn angeschwärzt. Und weißt du was? Ich habe Hieronymus beobachtet, als sie Andreas im Schuldkapitel ausgepeitscht haben. Der hat sich dabei bepinkelt!«
     
     
    Die Mönche saßen beidseits der langen Tafel im Refektorium zur gemeinsamen Mahlzeit, die nach der Non am frühen Nachmittag eingenommen wurde. Es gab eine Gemüsesuppe mit Kräuterbrot, anschließend gedünsteten Fisch mit Rüben. Es war eine der üppigen Mahlzeiten, von denen ausnahmsweise auch Rupert einmal satt wurde. Verstohlen blickte er sich um. Am Kopf der Tafel saß Bruder Gregorius, der als Tischleser an der Reihe war. Mit monotoner Stimme las er aus der Bibel vor, während die anderen schweigend ihre Mahlzeit einnahmen.
    »Wo ist Bruder Bartholomäus?«, flüsterte Rupert zu Luke.
    »Im Krankenzimmer.«
    »Was ist passiert? Ist wieder eine Seuche ausgebrochen?«
    Luke grinste breit. »Du weißt doch, Kranke bekommen Fleisch zu essen. Was denkst du, warum er ständig krank ist?«
    Ein lautstarkes Räuspern unterbrach die geflüsterte Unterhaltung der beiden Jungen. Bruder Benediktus, der Novizenmeister, blickte Luke scharf an. Der senkte sofort den Blick und löffelte seine Suppe. Doch er konnte den Mönch nicht täuschen. Als die zwei Novizen vom Küchendienst den Fisch hereinbrachten, unterband Benediktus mit einer Handbewegung, dass Luke seine Portion erhielt. Rupert krallte seine Finger in die Tischkante, doch Luke stieß ihn warnend mit dem Fuß unter der Tafel an. Es wäre zwecklos gewesen, auch Rupert wäre wieder einer Bestrafung unterzogen worden. Zähneknirschend senkte er den Kopf. Dabei gehörte er bereits zu den Privilegierten. In der Erfolgsleiter war Rupert inzwischen vom Latrinenreiniger über den Küchendienst zum Feldarbeiter aufgestiegen. Nach zwei Jahren durfte er das erste Mal die Klostermauern verlassen, um auf den Feldern zu arbeiten, die um das Kloster herum verstreut lagen. Auch wenn die Arbeit körperlich schwer war, so war er froh, wenigstens ein kleines Stück Freiheit zu genießen. Seinem großen Traum, Lesen und Schreiben zu lernen, war er jedoch keinen Schritt näher gekommen.
    Deshalb nahm er seinen ganzen Mut zusammen und bat um eine Audienz beim pius pater. Es dauerte mehrere Wochen und Rupert musste seine Bitte mehrmals vortragen, bis er vom Abt empfangen wurde.
    »Ehrwürdiger Vater«, sagte Rupert. »Euer Kloster ist in der glücklichen Lage, zahlreiche Bücher und Schriften sein Eigen zu nennen. Das Beherrschen der Schrift ist eine hohe Tätigkeit. Ich möchte sie erlernen. Bereits in meiner Familie wurde ich unterrichtet in Latein, in Mathematik und Glaubenslehre. Ich bitte Euch, mir eine Arbeit in der Bibliothek oder

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