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Der Schreiber von Córdoba

Der Schreiber von Córdoba

Titel: Der Schreiber von Córdoba
Autoren: Melanie Little
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finsteren Gesichtern,
    dass ich mir ein Lachen verbeiße.
    Es ist nur Fisch.
    Man sieht, sie sind aufgebracht:
    Es ist nicht adafina – jüdischer Fleischeintopf –
    oder – besser noch – der Kopf
    eines Bischofs oder von zweien.
    Dann gehen sie wieder.
    Kein »Guten Abend« oder »Gott schütze Euch« oder
    auch nur ein Knurren.
      
    Rückfall
    Ich habe Getuschel gehört.
    Manche Neuchristen kommen vom rechten Weg ab.
    »Rückfall« nennt man das.
    Sie verstecken jüdische Gegenstände –
    siebenarmige Leuchter oder Gebetsschals –
    in ihren Häusern.
    Oder vielleicht zünden sie freitags Kerzen an,
    um sich auf einen Sabbat am Samstag vorzubereiten – den Sonntag der Juden.
    Und sie sagen vielleicht Dio und nicht Dios , und meinen damit:
    Es gibt nur einen Gott.
    Auch das ist jüdisch.
    Meine Eltern machen
    nichts von alledem.
    Sie sind gute Katholiken.
    Mama betet zur Heiligen Jungfrau,
    selbst dann, wenn keiner da ist,
    der darauf achtet.
    Aber –
    in der kleinen dunklen Kammer,
    in der die beiden schlafen,
    ist ein Loch. Man kann es nicht sehen,
    außer,
    man weiß, wo man hinschauen muss.
    Ich weiß es.
    Eines Abends ging ich vorbei.
    Ich hörte ein leises Kratzen.
    Ich schaute durchs Schlüsselloch.
    Und wünschte, ich hätte es nicht getan.
    Papa kauerte neben seinem Bett
    und fügte einen Stein wieder in die Wand ein.
    Seine Bewegungen waren vorsichtig, als
    schiebe er einen empfindlichen Laib
    guten Brotes in einen Backofen.
    Vielleicht war der Stein locker geworden.
    Er hat nur das Loch repariert.
    Schließlich ist es ein sehr altes Haus.
    Aber mein Herz sagt: Nein.
    Da ist etwas drinnen, in dieser
    Nische hinter der Wand.
    Was ist daran so beängstigend?
    Das Glaubensedikt,
    zu dem wir uns in der Messe bekannt haben,
    verpflichtet mich unter Eid,
    herauszufinden, was es ist.
      
    Schuhe
    Pater Cuesta, unser Pfarrer,
    ist aus der Kirche verschwunden!
    Ein neuer Mann, Pater Perez,
    Predigt uns jetzt.
    Er ist steif wie ein Hemd,
    das an der Sonne getrocknet wurde.
    Gerüchte machen die Runde.
    Man sagt, Pater Cuesta,
    der ein Converso ist,
    hätte mit Juden gebetet.
    Und nicht nur das:
    er trug, so munkelt man, die Hostie für die heilige Kommunion –
    den Fleisch gewordenen Leib Christi – in den Schuhen!
    Der neue Pater hat uns
    die Qualen der Hölle aufgezählt.
    Ich habe zu Papa hinübergeäugt.
    Ich weiß, dass Höllenfeuer und Dämonen
    Dinge sind, an die er nicht glaubt.
    Ich habe gehört, sie hätten ihm auf dem Platz die Schuhe ausgezogen.
    Pater Cuesta, meine ich.
    Zwei blutige Kreise, rot auf weiß, waren drinnen.
    Er schwor, es seien keine Hostien.
    Er habe sein Leben Gott hingegeben:
    Warum sollte er seinen Sohn quälen wollen?
    Die weißen Kreise seien einfach nur
    lindernde Wattebäusche für seine wunden Füße.
    Da sagten sie, er hätte Blasen,
    weil er an Pessach, dem jüdischen Osterfest,
    barfuß gegangen sei.
    Der arme Pater Cuesta.
    (Er wurde zum Scheiterhaufen verurteilt.)
    Die Moral:
    Wenn sie erst mal über deine Schuhe nachdenken,
    bist du verloren.
      
    Zünfte
    Ich eigne mich nicht so besonders dazu,
    euch diese Dinge zu erklären.
    Ich weiß nur, dass man ihnen nicht aus dem Weg gehen kann.
    Es gibt eine Zunft für jedes Handwerk in Córdoba –
    oder jedenfalls fast. Zünfte für Bäcker.
    Zünfte für Schmiede. Zünfte sogar
    für die Reinigung von Latrinen,
    in die Männer ihren Darm entleeren.
    Soweit ich es verstehe,
    sind diese Zünfte wie Klubs.
    Sie haben Treffen und Regeln.
    Und es gibt Beiträge.
    Aber das Wichtigste ist,
    jedenfalls sieht es so aus: Jede Zunft
    hat ihre eigenen Gewänder für Prozessionen.
    Wir haben schon eine Weile keine Zunft mehr.
    Aber die Dinge ändern sich. Es gibt Gerüchte,
    dass eine Druckerpresse nach Spanien kommt.
    Schreiber werden ihre Arbeit verlieren. Sie müssen sich zusammenschließen.
    Das ist alles gut und schön.
    Ich mag fantasievolle Kleider.
    Aber die Geschichte hat einen Haken:
    Zünfte sind dafür bekannt, dass sie reines Blut schätzen.
    Für Conversos wie uns
    wird es keine Umzüge geben.
      
    Tatsächlich
    Die Zunft der Pergamentmacher
    ist fest etabliert.
    Ihre Mitglieder haben
    von der neuen Zunft der Schreiber gehört.
    Sie ließen sich davon überzeugen,
    dass die Zünfte zusammenhalten müssen.
    Geschäft ist Geschäft.
    Kurz gesagt, hat man sie angewiesen,
    uns ihre Ware nicht zu verkaufen.
    Pergament müsse
    echten christlichen Schreibern vorbehalten bleiben.
    Sind wir denn keine echten

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