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Der Pakt - Rügen Thriller

Der Pakt - Rügen Thriller

Titel: Der Pakt - Rügen Thriller
Autoren: Prolibris Verlag Rolf Wagner
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1
    Der Himmel über der Ostsee erinnerte an ein Gemälde von William Turner. Heftiges Schneegestöber verwischte Grenzen und Konturen. Dichte Flocken wirbelten durch die Abenddämmerung . Es schneite schon den ganzen Tag. Die Meteorologen gingen davon aus, dass sich das Wetter in den nächsten Wochen nicht wesentlich ändern würde. Die Insel Rügen durfte sich auf weiße Weihnachten freuen.
    Vor dem Eingang des Windwood-Hotels in Binz hielten dicht hintereinander zwei Taxis. Dem ersten entstieg ein bulliger Mittfünfziger. Er hatte streng zurückgekämmtes Haar und die teigige Haut eines Menschen, der zu viel Zeit in schlecht gelüfteten Büros verbrachte. Seine Kleidung allerdings war auffallend elegant. Der dunkle Kaschmirmantel und der rotkarierte Seidenschal stammten aus Mailänder Edelboutiquen. Gleiches galt für die auf Hochglanz polierten Lederschuhe, mit denen er achtlos auf die matschige Straße trat. Die Art, wie er die Wagentür zuschlug und der Drehtür des Hotels zustrebte, hatte etwas Gebieterisches, Res­pekteinflößendes. Man konnte sich diesen Mann ohne Weiteres an einem Konferenztisch vorstellen, wie er eingeschüchterte Untergebene zusammenstauchte.
    Auch der Insasse des zweiten Wagens trug Stadtkleidung. Doch er war kein Mann der Stadt. Sein wettergegerbtes Gesicht und die rissigen Hände ließen eher an einen Seemann denken oder vielleicht an einen Landwirt. Er mochte Ende Dreißig sein. Ein wenig unbeholfen zwängte er sich aus dem Wagen und ließ sich vom Taxi­ fahrer das Gepäck aus dem Kofferraum geben. Der herbeigeeilte Hotelpage griff mit einem unmerklichen Lächeln nach der billigen Sporttasche aus Segeltuch. Doch sein Hochmut verschwand schnell. Denn aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass der Neuankömmling dem Taxifahrer einen Hunderter hinhielt.
    »Danke fürs Herbringen, Kumpel!«
    Der Fahrer bedankte sich überschwänglich. »Ich wünsche Ihnen angenehme Tage in Binz.«
    Derweil war der Bullige in der Lobby angekommen.
    »Herzlich willkommen, Richter Kirijenko!« Ein livrierter Concierge, auf dessen Brusttasche in elegant geschwungenen Goldbuchstaben der Name Walter gestickt war, eilte ihm ehrerbietig entgegen. »Wir freuen uns, Sie wieder in unserem Haus begrüßen zu dürfen. Ihr Gepäck wird umgehend in Ihre Suite gebracht.« Stammgäste wurden im Windwood nicht mit lästigen Check-in- Formalitäten behelligt. Stattdessen wies Walter auf einen eleganten Marmortisch an der Wand, auf dem ein Strauß Rosen und eine Flasche in einem silbernen Eiskübel standen. »Darf ich Ihnen zur Begrüßung ein Glas Champagner anbieten?«
    Der Bullige grunzte zustimmend. »Haben Sie meine Nachricht bekommen?«
    »Ja.« Der Concierge dämpfte beflissen die Stimme. »Ihr Gast erwartet Sie bereits in Ihrer Suite.«
    Während er den Champagner einschenkte, fiel sein Blick auf den zweiten Neuankömmling, der gerade an die Rezeption trat und von einer jungen Empfangsdame angesprochen wurde.
    Walter ging davon aus, dass es sich um einen gewissen Tino Rücker aus Goldbach handelte, die einzige noch offene Reservie rung dieses Tages. Er beobachtete, wie der Mann umständlich etwas aus seiner Tasche zog. Wahrscheinlich die Buchungsbestätigung. Ihm würde Walter keinen Champagner anbieten, soviel stand fest. Er war für die Stammgäste zuständig und für die VIPs, die Reichen und Mächtigen, bei denen das Windwood äußerst beliebt war. Dieser Mann gehörte keiner der beiden Gruppen an. Er wirkte wie jemand, der sich sein Geld schwer verdienen muss­te. Vermutlich hatte er lange gespart, um wenigstens einmal im Leben in einem derart vornehmen Hotel übernachten zu können.
    Tino Rücker aus Goldbach.
    Walter gestattete sich ein dünnes Lächeln, während er den neu en Gast wieder aus seinem Gedächtnis strich. Er hatte einige Jahre in großen Hotels im Ausland verbracht, in Las Vegas, Paris und Dubai. Auf seine Erfahrung und seine Menschenkenntnis war er ungemein stolz.
    Wahrscheinlich ein wenig zu sehr. Sonst hätte er sich vielleicht die Mühe gemacht, ein paar Minuten im Internet zu recherchieren. Dann hätte er zum Beispiel gewusst, dass ein Richter am Obersten Gericht in Moskau fünfunddreißigtausend Rubel pro Monat verdiente. Umgerechnet etwa neunhundert Euro. Weniger also, als Wladimir Kirijenko für eine einzige Übernachtung in seiner Suite bezahlte. Und er wollte volle zwei Wochen bleiben. Vielleicht wäre der Concierge auch auf die Nachricht gestoßen, dass im Oktober der größte

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