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Der Nachtwandler

Der Nachtwandler

Titel: Der Nachtwandler
Autoren: Sebastian Fitzek
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Prolog
    D er Patient lag noch nicht einmal eine halbe Stunde auf der Station, und schon machte er Ärger. Schwester Suzan hatte es geschmeckt, kaum dass der Rettungswagen seine Türen geöffnet hatte und die Liege herausgeschoben wurde.
    Sie schmeckte es immer, wenn Probleme in die psychiatrische Abteilung rollten. Dann zog es in ihrem Mund, als kaue sie auf Alufolie, und diesen unangenehmen Effekt konnten auch Patienten auslösen, die auf den ersten Blick eher wie ein Opfer und nicht gewalttätig wirkten, so wie der Mann, der gerade in Zimmer 1310 den Alarm aktiviert hatte.
    Ausgerechnet um 19.55 Uhr.
    Hätte er noch fünf Minuten länger gewartet, wäre Suzan in der Pause gewesen. Jetzt musste sie mit leerem Magen den Gang heruntereilen. Nicht, dass sie abends großen Appetit gehabt hätte. Suzan achtete sehr auf ihre Linie, tatsächlich war sie nicht sehr viel dicker als einige der stationär betreuten Anorexiepatientinnen, aber der kleine Salat und das halbe Ei zählten zur abendlichen Routine – ein Paranoider mit Wahnvorstellungen leider auch, doch auf Letzteren konnte sie gut verzichten.
    Der Patient war nackt, blutüberströmt und mit Schnittwunden an den Füßen im Schnee vor einem Supermarkt aufgegriffen worden, hatte verwahrlost, desorientiert und dehydriert gewirkt, aber sein Blick war wach und stetig, seine Aussprache klar gewesen, und die Zähne (Zähne waren in Suzans Augen immer ein sicheres Indiz für den Zustand der Seele) hatten keine Anzeichen von Alkohol-, Nikotin- oder Drogenmissbrauch gezeigt.
    Und dennoch habe ich es geschmeckt, dachte sie, die eine Hand am Pieper, die andere am Schlüsselbund.
    Suzan schloss auf und trat ein.
    Das Szenario, das sich ihr bot, war so bizarr, dass sie erst nach einer Schrecksekunde den Pieper betätigte, um die für derartige Krisensituationen ausgebildeten Sicherheitskräfte zu verständigen.
    »Ich kann es beweisen«, schrie der nackte Mann vor dem Fenster. Er stand in einer Lache aus Erbrochenem.
    »Natürlich können Sie das«, antwortete die Schwester, wobei sie darauf achtete, Abstand zu wahren.
    Ihre Worte klangen einstudiert und unehrlich, weil Suzan sie einstudiert hatte und nicht ehrlich meinte, aber sehr oft schon hatte sie mit hohlen Phrasen kostbare Zeit gewinnen können.
    Nicht so dieses Mal.
    Später würde eine Untersuchungskommission in ihrem Abschlussbericht festhalten, dass die Putzfrau Musik über einen MP3-Player gehört hatte, was während der Arbeit strengstens untersagt war. Als ihre Vorgesetzte unerwartet zur Hygienekontrolle kam, versteckte sie das Gerät in einem Fach neben der Dusche, wo sich die Wasserzähler befanden.
    In dem Moment der Krise jedoch war es für Schwester Suzan ein Rätsel, wie der Patient in den Besitz des elektronischen Geräts gelangt war, dessen Batteriefach er aus dem Gehäuse gebrochen hatte. In der Hand hielt er eine verbogene Alkali-Batterie, deren Hülle er mit den Zähnen aufgekaut haben musste. Suzan konnte es nicht sehen, stellte sich aber vor, wie zähflüssige Batteriesäure wie Marmelade an den scharfen Kanten hervortrat.
    »Alles wird wieder gut«, versuchte sie zu beschwichtigen.
    »Nein, nichts wird wieder gut«, protestierte der Mann. »Hören Sie mir zu. Ich bin nicht wahnsinnig. Ich habe versucht, mich zu übergeben, um ihn wieder aus meinem Magen herauszubekommen, aber vielleicht habe ich ihn schon verdaut. Bitte. Ihr müsst mich röntgen. Ihr müsst meinen Körper röntgen. Der Beweis steckt in mir drin!«
    Er schrie so lange, bis endlich die alarmierten Kräfte eintrafen, um ihn zu überwältigen.
    Doch sie kamen zu spät.
    Als die Ärzte ins Zimmer stürmten, hatte der Patient die Batterie längst verschluckt.

Wenige Tage zuvor
    I rgendwo auf der Welt.
    In einer Stadt, die Sie kennen.
    Vielleicht in Ihrer Nachbarschaft …

1.
    D ie Kakerlake kroch auf Leons Mund zu.
    Nur noch wenige Zentimeter, und die langen Fühler würden seine geöffneten Lippen berühren. Schon jetzt hatte sie den Rand des Speichelflecks erreicht, den er im Schlaf auf dem Bettlaken hinterlassen hatte.
    Leon versuchte, den Mund zu schließen, doch seine Muskeln waren gelähmt.
    Wieder einmal.
    Er konnte weder aufstehen noch die Hand heben oder wenigstens blinzeln. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Kakerlake anzustarren, die ihre Flügel aufstellte, als wollte sie ihn freundlich begrüßen:
    »Hallo, Leon, da bin ich wieder. Erkennst du mich nicht?«
    »Doch, natürlich. Ich weiß genau, wer du bist.«
    Sie
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