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Der Nacht ergeben

Der Nacht ergeben

Titel: Der Nacht ergeben
Autoren: Rachel Caine
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    Alles lief schief und Morganville brannte - ein Teil davon zumindest.
    Claire stand im Glass House am Fenster und beobachtete, wie die Flammen die Glasscheibe in ein dumpfes, flackerndes Orange tauchten. Sonst konnte sie hier draußen, mitten im Nichts, Texas, immer die Sterne sehen - aber heute Nacht nicht. Heute Nacht war es...
    »Du glaubst, es sei das Ende der Welt«, sagte eine kühle, gelassene Stimme hinter ihr.
    Claire blinzelte sich aus ihrer Trance und wandte sich um.
    Amelie, die Gründerin und schlimmste Vampirin der Stadt - so behaupteten zumindest die meisten anderen -, sah selbst für einen Vampir zerbrechlich und blass aus. Sie hatte das Kostüm, das sie auf Bishops Maskenball getragen hatte, abgelegt - keine schlechte Idee, denn es hatte ein pfahlgroßes Loch in der Brust und war blutbesudelt. Wenn Claire einen Beweis dafür gebraucht hätte, dass Amelie hart im Nehmen war, dann hatte sie ihn spätestens heute Abend erhalten. Mit einem überlebten Mordanschlag konnte man definitiv punkten.
    Die Vampirin trug Grau, einen weichen grauen Pullover und eine Hose . Claire konnte ihren Blick nicht abwenden - Amelie trug einfach keine Hosen. Niemals. Das war gewissermaßen unter ihrer Würde.
    Wenn sie recht überlegte, hatte Claire sie auch noch nie in Grau gesehen.
    So viel zum Thema »das Ende der Welt«.
    »Ich erinnere mich daran, als Chicago brannte«, sagte Amelie. »Und London. Und Rom. Es ist nicht das Ende der Welt, Claire. Am nächsten Morgen fangen die Überlebenden mit dem Wiederaufbau an. Das ist der Lauf der Dinge. Die Menschen sind so.«
    Claire war. nicht gerade erpicht auf erbauliche Worte. Sie wollte sich oben in ihrem warmen Bett zusammenrollen, das Kissen über den Kopf ziehen und Shanes Arme um sich herum spüren.
    Nichts davon würde in Erfüllung gehen. In ihrem Bett lag momentan Miranda, ein ausgeflippter, psychotischer Teenager, der sich, ohne zu überlegen, einem Vampir ausgeliefert hatte, und was Shane anging...
    Shane würde weggehen .
    »Warum?«, platzte sie heraus. »Warum schicken Sie ihn da raus? Sie wissen, was passieren kann...«
    »Ich weiß ziemlich viel über Shane Collins, was du nicht weißt«, unterbrach Amelie sie. »Er ist kein Kind mehr und hat in seinem jungen Leben schon viel überstanden. Das hier wird er auch überleben. Und er sehnt sich danach, etwas zu bewegen.«
    Sie schickte Shane mit einigen ausgewählten Kämpfern - sowohl Menschen als auch Vampiren - noch vor dem Morgengrauen hinaus in die Finsternis, um das Blutmobil in Besitz zu nehmen: den letzten zugänglichen Blutvorrat in Morganville.
    Und das war das Letzte, was Shane tun wollte. Es war auch das Letzte, was Claire ihm wünschte.
    »Bishop selbst nützt das Blutmobil nichts«, sagte Claire. »Er möchte, dass es zerstört wird. Seiner Meinung nach wimmelt es in Morganville nur so von wandelnden Blutbanken. Aber es wird Ihnen schaden, wenn Sie es verlieren, deshalb hat er es darauf abgesehen, nicht wahr?«
    Die strenge, dünne Linie, zu der Amelies Mund sich verformte, machte deutlich, dass sie es nicht mochte, wenn man sie durchschaute. Man konnte das definitiv nicht als Lächeln bezeichnen. »Solange Shane das Buch hat, wird es Bishop nicht wagen, das Fahrzeug zu zerstören, aus Angst, damit auch seinen größten Schatz zu vernichten.«
    Im Klartext: Shane war der Köder. Wegen des Buches . Claire hasste dieses verdammte Buch. Es hatte ihr nichts als Ärger eingebracht, seit sie das erste Mal von ihm gehört hatte. Amelie und Oliver, die beiden größten Vamps der Stadt, hatten ihm verbissen nachgejagt, aber stattdessen war es Claire in die Hände gefallen. Sie wünschte, sie hätte den Mut, es Shane hier und jetzt zu entreißen, hinauszurennen und es in das erstbeste brennende Haus zu werfen, um es ein für alle Mal loszuwerden, denn soweit sie es beurteilen konnte, hatte es noch nie jemandem Glück gebracht - nicht einmal Amelie.
    Claire sagte: »Er wird Shane umbringen, um an das Buch zu kommen.«
    Amelie zuckte mit den Achseln. »Ich wette, dass es schwieriger ist, Shane umzubringen, als es aussieht.«
    »Ja, klar, Sie wetten. Und sein Leben ist der Einsatz.«
    Amelie schaute sie aus ihren eisgrauen Augen ruhig an. »Damit wir uns richtig verstehen: Eigentlich setze ich unser aller Leben aufs Spiel. Also sei dankbar, Kind, und sei gewarnt. Ich könnte den Kampf jederzeit aufgeben. Mein Vater würde mir erlauben zu gehen - nur mir allein. Besiegt. Ich bleibe aus Pflichtgefühl

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