Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Modigliani Skandal

Der Modigliani Skandal

Titel: Der Modigliani Skandal
Autoren: Ken Follett
Ads
ohne daß sein Gedankengang plötzlich abbrach. »Hat Dedo jemals gemalt, während er high war?«
    Der Alte lachte unbeschwert. »O ja«, sagte er. »Wenn er sich im Rausch befand, malte er sehr schnell, während er unentwegt rief, daß dies sein Meisterstück werden würde, sein chef-d'wuvre; daß ganz Paris endlich begreifen würde, was malen eigentlich bedeutete. Er wählte die leuchtendsten Farben aus und warf sie auf die Leinwand. Wenn seine Freunde ihm sagten, es sei ein schlechtes Bild, einfach abscheulich, so erwiderte er, sie sollten verschwinden, sie seien zu dumm, um zu begreifen, daß dies die Malerei des 20. Jahrhunderts sei. Aber wenn er dann wieder bei sich war, gab er ihnen recht und schleuderte das Bild in eine Ecke.« Der Alte zog an seiner Pfeife, bemerkte, daß sie ausgegangen war und suchte nach Streichhölzern.
    Dee beugte sich auf ihrem Stuhl vor; den Joint zwischen ihren Fingern hatte sie vergessen. Ihre Stimme klang drängend, fast beschwörend.
    Sie fragte: »Was ist aus jenen Bildern geworden?« Heftig sog er, bis die Pfeife wieder zu qualmen begann, allmählich glitt er wieder in seinen traumähnlichen Zustand zurück. »Armer Dedo«, sagte er. »Konnte die Miete nicht bezahlen. Wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Der Wirt gab ihm zur Räumung eine Frist von vierundzwanzig Stunden. Dedo versuchte, ein paar Bilder zu verkaufen, aber die wenigen Leute, die sehen konnten, wie gut sie waren, hatten nicht mehr Geld als er selbst.
    Er mußte zu einem der anderen ziehen - zu wem, weiß ich nicht mehr. Da war kaum Platz für Dedo, von seinen Gemälden ganz zu schweigen. Jene, die er mochte, lieh er nahen Freunden. Den Rest«, der alte Mann ächzte, als sei die Erinnerung plötzlich zu schmerzhaft. »Ich kann jetzt noch sehen, wie er sie in eine Schubkarre lud und dann mit ihnen die Straße entlangfuhr. Er fuhr in einen Hof, stapelte sie in der Mitte auf einen Haufen und zündete sie an. ›Was kann ich sonst tun?‹ sagte er immer wieder. Ich hätte ihm Geld leihen können, aber er schuldete mir schon zu viel. Trotzdem - als er da so stand und zusah, wie seine Bilder verbrannten, da wünschte ich, ich hätt's getan. Aber ich war nun mal nie ein Heiliger, in meiner Jugend so wenig wie in meinem Alter.«
    »Sämtliche Haschisch-Bilder sind in dem Feuer verbrannt?« fragte Dee fast flüsternd.
    »Ja«, sagte der Alte. »Praktisch alle.«
    »Praktisch? Hat er ein paar zurückbehalten?«
    »Nein, er hat keins behalten. Aber er hatte irgendwem einige gegeben - ich hatte es vergessen, doch unser Gespräch bringt's wieder zurück. Da war ein Priester, in seiner Heimatstadt, der sich für orientalische Drogen interessierte. Warum weiß ich nicht mehr - war's ihr medizinischer Wert, ihre spirituelle Wirkung? Irgendwas in der Art, Dedo beichtete dem Geistlichen seine Sucht und erhielt die Absolution. Dann erklärte der Priester, er würde gern die Bilder sehen, die unter dem Einfluß von Haschisch entstanden seien. Dedo schickte ihm ein Gemälde - nur ein einziges, jetzt weiß ich's wieder.«
    Der Joint verbrannte Dee die Finger, und sie ließ ihn in einen Aschenbecher fallen. Der Alte war wieder mit dem Entzünden seiner Pfeife beschäftigt, und Dee erhob sich.
    »Vielen Dank, daß Sie so nett waren, mit mir zu sprechen«, sagte sie.
    »Mmm.« Der alte Mann war mit seinen Gedanken noch halb in der Vergangenheit. »Hoffentlich hilft Ihnen das bei Ihrer Dissertation«, sagte er.
    »Das tut es ganz bestimmt«, versicherte sie. Einem Impuls folgend, beugte sie sich über den Alten auf seinem Stuhl und küßte ihn auf den kahlen Schädel. »Sie sind sehr liebenswürdig gewesen.«
    Seine Augen glitzerten. »Es ist lange her, daß mich ein hübsches Mädchen geküßt hat«, sagte er.
    »Von all dem, was Sie mir gesagt haben, ist das das einzige, was ich Ihnen nicht glaube«, erwiderte Dee. Sie lächelte ihn wieder an und ging dann durch die Tür hinaus.
    Während sie die Straße entlangschritt, mußte sie sich zusammennehmen, um nicht laut zu jubeln. Was für ein Glücksfall! Und das, bevor sie mit der Arbeit überhaupt richtig angefangen hatte! Sie brannte darauf, jemandem davon zu erzählen. Dann fiel ihr plötzlich ein - Mike war fort: für ein paar Tage nach London geflogen. Wem konnte sie sich nur mitteilen?
    Spontan kaufte sie in einem Cafe eine Postkarte. Dann setzte sie sich mit einem Glas Wein an einen Tisch und begann zu schreiben. Das Bild auf der Karte zeigte das Cafe und eine Ansicht der

Weitere Kostenlose Bücher

Verfolgt
Verfolgt von Ally Kennen
Alles bestens
Alles bestens von Beate Doelling
Rebellische Herzen
Rebellische Herzen von Christina Dodd