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Der Modigliani Skandal

Der Modigliani Skandal

Titel: Der Modigliani Skandal
Autoren: Ken Follett
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Wäsche auf dem Bett in der Ecke, in die verblichenen Vorhänge an dem einzigen kleinen Fenster. Der Rauch aus der Pfeife des alten Mannes konnte den Fischgeruch nicht überdecken; und geprägt war das Ganze von der Atmosphäre eines Zimmers, das nur selten gesäubert wird.
    An den Wänden jedoch hing ein Vermögen in Form postimpressionistischer Gemälde.
    »Sämtlich Geschenke der Künstler an mich«, erklärte der alte Mann mit unverkennbarem Stolz. Dee mußte sich konzentrieren, um sein Pariser Französisch zu verstehen. »Die konnten ja nie ihre Schulden bezahlen. Ich nahm die Gemälde, weil ich wußte, daß sie niemals das Geld haben würden. Damals haben mir die Bilder nie gefallen. Jetzt verstehe ich, warum die so gemalt haben, und es gefällt mir. Außerdem bringen die Bilder Erinnerungen zurück.«
    Der Alte war kahlköpfig, seine Gesichtshaut schlaff und bleich. Er war kleinwüchsig und konnte nur mit Mühe gehen; doch in seinen kleinen schwarzen Augen blitzte mitunter so etwas wie Enthusiasmus auf. Unverkennbar fühlte er sich verjüngt durch die Gegenwart dieser hübschen Engländerin, die so ausgezeichnet Französisch sprach und ihn anlächelte, als sei er wieder ein junger Mann.
    »Werden Sie nicht von Leuten belästigt, die Ihnen die Bilder abkaufen wollen?« fragte Dee.
    »Jetzt nicht mehr. Ich bin immer bereit, sie auszuleihen, gegen Gebühr.« Er zwinkerte. »Dafür kann ich mir dann Tabak kaufen«, fügte er hinzu und hob seine Pfeife, als wolle er einen Toast ausbringen.
    Plötzlich wurde Dee bewußt, daß da noch ein Geruch war außer dem des Tabaks: dem Gemisch in der Pfeife des Alten war Cannabis beigemengt. Sie nickte kundig.
    »Möchten Sie was davon? Ich habe Zigarettenpapier«, bot er ihr an.
    »Gerne.«
    Er reichte ihr eine Tabakdose, etwas Zigarettenpapier und einen kleinen harzartigen Klumpen, und sie begann, sich einen Joint zu rollen.
    »Ach, ihr jungen Mädchen«, sagte der Alte grübelnd. »Drogen sind für euch wirklich schlecht. Ich sollte die Jugend nicht verderben. Da, ich hab's mein ganzes Leben getan, und jetzt bin ich zu alt, um's zu ändern.«
    »Sie haben's damit zu einem langen Leben gebracht«, sagte Dee.
    »Wahr, sehr wahr. Ich werde dieses Jahr neunundachtzig, wenn ich mich nicht irre. Siebzig Jahre lang habe ich tagtäglich meinen Spezialtabak geraucht, außer im Gefängnis natürlich.«
    Dee fuhr mit der Zunge über das gummierte Papier, und der Joint war fertig. Sie zündete ihn mit einem winzigen goldenen Feuerzeug an und inhalierte. »Haben die Maler viel Haschisch konsumiert?« fragte sie.
    »Oh, ja. Ich habe an dem Zeug ein Vermögen verdient. Manche gaben ihr ganzes Geld dafür aus.« Er blickte zu einer Bleistiftskizze an der Wand, einem flüchtig hingeworfenen Frauenkopf: ein ovales Gesicht und eine lange, dünne Nase. »Dedo war der Schlimmste«, fügte er mit einem verträumten Lächeln hinzu.
    Dee entzifferte die Signatur auf der Zeichnung. »Modigliani?«
    »Ja.« Die Augen des alten Mannes sahen jetzt nur die Vergangenheit, und er sprach wie zu sich selbst. »Er trug immer eine braune Kordjacke und einen großen Schlapphut aus Filz. Und er pflegte zu sagen, daß Kunst wie Haschisch sein sollte: Sie sollte Menschen die Schönheit in Dingen zeigen, die Schönheit, die sie normalerweise nicht sehen könnten. Er trank auch, und zwar um die Häßlichkeit in Dingen zu sehen. Aber Haschisch liebte er. Es war traurig, daß er sich deshalb solche Gewissensbisse machte. Er muß wohl sehr streng erzogen worden sein. Auch war seine Gesundheit nicht allzu stabil, so daß er sich wegen der Drogen Sorgen machte. Er machte sich Sorgen und gebrauchte sie trotzdem.«
    Der alte Mann lächelte und nickte; er schien seinen Erinnerungen gleichsam zuzustimmen.
    »Er wohnte im Impasse Falguiere. Bettelarm war er und mit der Zeit war er richtig ausgemergelt. Ich erinnere mich, wie er die Ägyptische Abteilung im Louvre besuchte - als er zurückkam, erklärte er, das sei die einzige wirklich sehenswerte Abteilung!«
    Der Alte lachte zufrieden. »Ein melancholischer Mensch, o ja«, fuhr er fort, und seine Stimme klang jetzt ernster. »Immer trug er Les Chants de Maldoror in einer Tasche mit sich: Er konnte viele französische Gedichte rezitieren. Gegen Ende seines Lebens kam der Kubismus in Mode. Doch so was war und blieb ihm fremd. Hat ihn möglicherweise sogar umgebracht.«
    Dee sprach sehr sacht; sie wollte die Erinnerungen des alten Mannes in die gewünschte Richtung lenken,

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