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Der Metzger sieht rot

Der Metzger sieht rot

Titel: Der Metzger sieht rot
Autoren: Thomas Raab
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kennenlernen, dass sich bei ihm diesbezüglich ein Effekt der Gewöhnung oder gar der Sucht einstellt. Ganz im Gegenteil, das Auftreten des Menschen im Plural, als Anhäufung auf engstem Raum, löst bei ihm kein anderes Verlangen aus, als schleunigst den Rückzug in seine Werkstatt antreten zu können – was momentan rein beziehungstechnisch völlig ausgeschlossen ist.
    Und während er sich ein wenig fröstelnd nach seinem stillen Kellergewölbe sehnt, kommt ihm aus heiterem Himmel der Gedanke an das friedliche Bild des Menschen in seiner ursprünglichen Singularität: ein Fötus im rötlich warmen Schimmer des Inneren seiner Mutter.
    Den Metzger schaudert es bei der Vorstellung, so ein kleines Menschenleben müsste hier das Licht der Welt erblicken. Doch gerade die aktuelle Farbgestaltung dieses Umfelds trägt wesentlich für die ungewöhnlichen, pränatalen Gedankengänge des Willibald Adrian Verantwortung.
    Eine gigantische Heerschar an Gestricktem, Bedrucktem, um den Hals Gewickeltem, durch die Luft Geschwenktem, auf Wangen und Körperteile Geschmiertem knallt dem Metzger ein Rot vor die Augen, dagegen wäre die mütterliche Plazenta ein lahmer Farbtupfer, eine optische Belanglosigkeit.
    Dermaßen von Rot dominiert ist Willibalds augenblickliche Umgebung, dass es einem unkonzentrierten Beobachter gar nicht auffallen würde, wie sehr sich da neben dem Metzger die Backen von Danjela Djurkovic ebenso gänzlich diesem Farbton angepasst haben. Der Metzger ist nun aber alles andere als ein unkonzentrierter Beobachter, und gerade hier, inmitten dieses Malkastens, interessiert es ihn ohnedies viel mehr, sich den Backenrötungen, die die Menschen inklusive seiner durchaus angenehmen Bekanntschaft Danjela Djurkovic da an den Tag oder besser gesagt an die flutbelichtete Nacht legen, zu widmen als jener Angelegenheit, für die das Flutlicht eigentlich vorgesehen wäre.
    Angespannt sitzt sie da, die Djurkovic, und wenn sich beim Metzger in den letzten Wochen ein zarter Hauch von „sich kennen“ eingeschlichen hat, dann ist in diesem Moment von dem Lüftchen nicht mehr viel vorhanden. Um nicht zu sagen: Flaute.
    Von der Djurkovic-Ausgeglichenheit, die der Willibald Adrian so zu schätzen gelernt hat, ist nur noch eine Form von physischer Balance über, die die leicht in Hockstellung befindliche Danjela vor dem Umkippen bewahrt. Wie eine Vollblutstute kurz vor dem Rennstart verharrt sie in dieser eigentümlichen Stellung, aus der sie unter gewöhnlichen Umständen schon längst hoffnungslos auf ihrem, von Willibald Adrian Metzger so gern gesehenen mächtigen Hinterteil gelandet wäre. Jede Faser ihres Körpers ist auf den Sprung vorbereitet, auf diesen einen Moment der Entladung und sie wartet angespannt auf das Heranrollen. Langsam und schwerfällig nähert es sich, begleitet von einem gewaltigen Gegröle, das selbst auf mittelalterlichen Schlachtfeldern hätte mithalten können. Im Grunde ist das hier auch nichts anderes – genauso martialisch, genauso Furcht einflößend. Nur fehlt halt im Spiel, wenn es martialisch wird, beim Großteil der Mitwirkenden jegliche Furcht, und jene, bei denen dann doch aus reinem Selbstschutz die Angst auftaucht, nennt man zumeist Verlierer!
    Die Gesichter sind wie von Sinnen, bestialisch aufgerissene Mäuler, erhobene Fäuste und brachiale Schreie. Für gewöhnlich würde Willibald Adrian Metzger entsetzt das Weite suchen. Aber eben nur für gewöhnlich. Hier ist alles anders. Es hat die Djurkovic eine Menge an Überredungskünsten gekostet, den Metzger hierher mitzuschleppen, aber was macht man nicht alles aus Liebe, und vor allem aus Neugier an der geliebten Person. „Der Mensch ist mir für gewöhnlich schon als Einzelner zu gefährlich. Ich muss mich nicht auch noch freiwillig der weitaus gefährlicheren Zusammenrottung dieses Säugers zu hirnlosen Rudeln ausliefern!“, hat der Metzger noch trotzig gemeint. Und jetzt ist genau dieser Umstand der Zusammenrottung die Faszination – der Metzger fühlt sich wie ein einsamer, im Busch lauernder Verhaltensforscher inmitten einer Horde hysterischer Affen.
    Fasziniert starrt er auf Danjela, deren Lungen, bis zum äußersten mit Sauerstoff gefüllt, auf den herannahenden Schrei warten, ihr Gesicht starr vor Erregung und ihre Augen – sie hätte in Anbetracht des eigenen Spiegelbildes Reißaus genommen.
    Dann ist sie da.
    Die Djurkovic springt katapultartig aus ihrem ausgebleichten Plastiksessel, genauso wie alle anderen Besucher, vorwiegend

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