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Der Metzger sieht rot

Der Metzger sieht rot

Titel: Der Metzger sieht rot
Autoren: Thomas Raab
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Prolog
    Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!
    Da gehört schon eine ordentliche Portion Durchhaltevermögen dazu, damit eine gerahmte Urkunde samt Pokal, Meisterteller oder sonstigen schmucken Unbrauchbarkeiten in der Vitrine landet – ganz egal, ob man jetzt Tischler, Konditor, Kanalräumer, Buddhist oder Fußballer ist. Und weil, was nun den Himmel betrifft, die Hilfe aus dem Jenseits eher spontan erfolgt, spricht wohl nichts dagegen, wenn ein irdisches Händchen gelegentlich etwas nachhilft! So ein kleiner Schubser in die richtige Richtung hat im Grunde noch keinem geschadet.
    Ist nur ein Pech, wenn der Schubser nicht aus dem Jenseits kommt, sondern ausgerechnet dazu dient, jemanden genau dorthin zu befördern.
    Dieser Umstand kann ihn allerdings nicht mehr erschüttern, als wäre eine Gelse knisternd im bläulichen Schimmer einer für genau diese Spezies vorgesehenen finalen Beleuchtung verschmort. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und gehobelt wird ja schließlich mit durchaus schöpferischem Antrieb, um beispielsweise aus einem Stück Holz einen Stuhl herauszubekommen. Am Ende zählt nur das Ergebnis, nicht der Span. Kein Mensch interessiert sich für den Verschnitt, wenn er auf dem Sessel hockt und sein Mittagessen hinunterschlingt, die Tageszeitung durchblättert oder gegen die dreijährige Tochter in Folge die vierte Runde „Memory“ verliert.
    In Anbetracht des gigantischen Mischwaldes „Menschheit“ ist die Bedeutung eines kleinen Menschenlebens gerade von der Größe eines Streichholzes, und wen bitte kümmert die Einzahl, wenn es um die Mehrzahl geht.
    Im Jänner 2008 umfasste die Weltbevölkerung 6,646 Milliarden Menschen bei einem momentanen Wachstum von etwa zwei bis drei Menschen pro Sekunde. Gar nicht auszurechen, wie sich das noch beschleunigt, wie beinah alles sich beschleunigt. Früher dauerte es einige Generationen lang, um eine Kathedrale zu errichten, heute steht in wenigen Monaten ein Wolkenkratzer, dagegen wirkt eine Kathedrale größenmäßig wie eine Hundehütte.
    Seit er diese traumhafte Etage im vorletzten Stock eines neu gebauten gläsernen Bürogebäudes bezogen hat, fühlt er sich ohnedies, was wieder den Himmel betrifft, diesem näher als zuvor. Hier ist der perfekte Platz. Da kann so ein kleiner inszenierter Wink des Schicksals, so ein bedeutsames Dahinscheidenlassen, durchaus auch als ein wenig göttlich bezeichnet werden. Und weil es die wie Pilze aus dem Boden schießenden, gläsernen Neubauten so an sich haben, dass sie von allen Seiten sichtbar aus den städtischen Silhouetten herausragen, wie eben einst die Kathedralen, fällt es den Bewohnern der oberen Etagen gar nicht sonderlich schwer, an ihren polierten Fensterscheiben stehend über die Welt hinwegzusehen.
    Der Mensch als einzelnes Subjekt nimmt sich verdammt noch mal viel zu wichtig, gibt ohnedies genug davon, geht es ihm durch den Kopf. Einem gepflegten Kopf natürlich, der sich nun erhobenen Hauptes dem Spiegel zuwendet, einem Spiegel von solch gigantischem Ausmaß, da könnte sich eine komplette apulische Großfamilie geschlossen selbst begutachten, samt Opa im Krankenbett.
    Er aber steht allein davor, und das Wort allein bekommt eine neue Dimension in Gegenwart eines solchen Spiegels.
    Gekonnt bindet er seine Krawatte, ein Teil der täglichen Routine, schließt bedächtig die auf dem Schreibtisch liegende große schwarze Aktenmappe, dreht sich um und blickt lächelnd über die Dächer hinaus zum Rand der Stadt. Hell beleuchtet erstrahlt dort das Zentrum, der Lebensinhalt und die Droge manch menschlicher Sinnsuche. Kein Wunder also, dass sich an diesem penibel gestutzten Rasenfleckchen auch jene Personen einfinden, die mit all ihren Sinnen, vor allem dem Geschäftssinn, genau diese Sinnsuchenden suchen.

1
    Unaufhaltsam bewegt sie sich auf ihn zu. Es gibt Situationen, da ist die Chance zu entkommen so realistisch wie ein Lottogewinn. Ob er nun will oder nicht, sie wird ihn erfassen. Und während sie mit unausweichlicher Vehemenz heranrollt, beobachtet der Metzger seine Umgebung genauso verwundert wie ein Eremit die erste Karnevalssitzung. Wozu Menschen imstande sind, muss man erst erleben.
    Da hilft es auch gar nichts, dass er in den letzten Monaten mehr Personen näher kennengelernt hat als in den vergangenen Jahren und dass aus diesen unangenehmen erzwungenen Konfrontationen durchaus angenehme Bekanntschaften hervorgegangen sind. Soviel nette Personen kann Willibald Adrian Metzger nämlich gar nicht

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