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Der Mann schlaeft

Der Mann schlaeft

Titel: Der Mann schlaeft
Autoren: Sibylle Berg
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Vielleicht lebte ich bereits zu lange ohne eine Person, zu der ich mich hätte reden hören können.
    Da war ein Mensch, er war zu nah, er ließ mich die Geräusche, die meine Organe erzeugten, unangenehm laut wahrnehmen. Dieses Geatme und die Luft, wie sie fast obszön in meinen Körper floss, das unattraktive Innere durchblutete.
    Eine wenig erfreuliche Situation, die nicht besser wurde, als der Mann sich aufstützte, mich mit einem Blick, dem jede Zuneigung fehlte, ansah und sagte: »Ich habe lange nachgedacht.«
    Wie das ausgesehen haben sollte, vermochte ich mir nicht vorzustellen, denn Denken war keine herausragende Fähigkeit des jungen Mannes.
    »Ich schaffe es nicht. Jede kleine Verbindlichkeit lässt mich die Deckung hochnehmen. Das macht mich traurig, das steuere ich nicht mit dem Kopf. Das liegt nicht an dir – wiedu bist. Ich würde so gerne, du Großartige, nur reicht es irgendwie nicht – ich bin nicht frei für dich. Da ist so ein Besetztzeichen in mir.«
    Warum musste es denn so albern sein, wenn sie denn schon einmal redeten? Vielleicht würde ich irgendwann über all die völlig unzureichend intelligenten Sätze, die ich von in die Ecke gedrängten Männern im Verlaufe der Jahre hatte hören müssen, lachen können, dachte ich und wartete, welche uninteressanten Informationen ich noch erhalten würde.
    Ich wusste bereits seit Monaten, dass der junge Mann auf eine Gelegenheit hoffte, mir mitzuteilen, dass er mich nicht mehr sehen wollte. Nachdem er sich ein paar Wochen eingeredet hatte, dass eine unverbindliche körperliche Beziehung genau das war, was er suchte, hatte er irgendwann gemerkt, dass unsere Treffen nicht so unbeschwert waren, wie er es sich vorgestellt hatte. Er fühlte sich unklar unter Druck gesetzt, es gebrach ihm an geistiger Kapazität, dem Gefühl nachzugehen und es zu erforschen, und so wollte er nur noch weg. Nicht mehr vorhanden sein, und zwar ausschließlich für mich.
    Doch das sagte er nicht, er wand sich weiter, und ich ließ ihn sich winden, eine winzige Genugtuung, da es nicht in meiner Macht stand, ihn anderweitig leiden zu machen. »Wir können unsere Beziehung nicht in dieser Form weiterführen, das wäre nicht fair. Ich merke doch, dass es dir nicht gutgeht. Und ich werde mich nie in dich verlieben können.«
    Aber das musst du doch gar nicht, hatte ich erwidert, ganz starr vor Peinlichkeit. Natürlich hätte er müssen, denn wie so viele Frauen vermochte ich nur unzulänglich zwischen Geschlechtlichem und Liebe zu unterscheiden.
    Ich lag auf einer Matratze in einem unaufgeräumten Knabenzimmerund war ratlos, weil ich nicht wusste, wie ich elegant aus diesem Raum verschwinden konnte. Der Junge blickte zur Decke, als gälte es dort interessante Erscheinungen festzumachen. Er hatte einen braunen Körper mit hervortretenden Sehnen und Muskeln, das Haar fiel ihm lang und schwarz auf die Schultern, und die Leere seiner Augen war nicht zu erkennen. Im Halbdunkel sah er ohne Zweifel gut aus. Ich ahnte in jenem Moment, dass für mich die Zeit, in der ich mich ohne Bezahlung an jungen Männern erfreuen konnte, vorüber war.
    Aufgrund der Häufigkeit der Abweisungen, die ich erfahren hatte, war ich zu der Überzeugung gelangt, abstoßend unattraktiv zu sein. Lange war mir die banale Erkenntnis, dass ich für großartige Erfolge auf dem freien Markt der Geschlechter einfach zu alt geworden war, nicht vergönnt, denn das Altern fand so langsam statt, dass es schwerfiel, es wahrzunehmen, wenn das, was verfiel, man selber war.
    Im Nachhinein ist mir die Nachlässigkeit unverständlich, mit der ich meiner Wirkung begegnet war. Hätte ich mir doch viele unerfreuliche Erlebnisse ersparen können mit der Gabe, mich so zu sehen, wie es jemandem außerhalb von mir erlaubt war.
    »Es ist besser, wenn du jetzt gehst«, sagte der aktuelle junge Mann, »selbstredend«, erwiderte ich, er schaltete das Licht an, das mich wie ein Scheinwerfer ausleuchtete.
    Ich hätte gerne etwas zu sagen gewusst, was dem jungen Mann Schmerzen zugefügt hätte, aber es fiel mir nichts ein, es gab nichts, was ihn verletzen konnte, denn er war Mitte dreißig, verfügte über straffes Fleisch, volle Haare und gesunde Zähne und dachte, dass die Welt auf ihn wartete, und vermutlichhatte er damit sogar recht. Ich kleidete mich an, eine ältere Frau, die in ihre Sachen stieg, und vor dem Haus stand ich dann, erstarrt vor Sehnsucht nach etwas, das ich mit dem jungen Mann in der Wohnung verwechselt hatte, und

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