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Der Mann, der seine Frau vergaß

Der Mann, der seine Frau vergaß

Titel: Der Mann, der seine Frau vergaß
Autoren: John O'Farrell
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1. KAPITEL
    Ich weiß noch, wie ich als kleiner Junge jede Woche vor dem Fernseher saß und mir Mr & Mrs anschaute. Das taten alle; es gab leider nichts anderes, deshalb mussten wir uns notgedrungen mit dem zufriedengeben, was wir hatten. So ähnlich wie die Eheleute in der Sendung, wenn ich es recht bedenke. Mr & Mrs war keineswegs der kulturelle Höhepunkt der Woche; wir rannten nicht am nächsten Morgen in die Schule und regten uns darüber auf, dass Geoff aus Coventry nicht wusste, dass seine Julie am liebsten Spaghetti aß. Trotzdem verfolgten wir treu und brav den Aufmarsch biederer Pärchen, die sich vor einem Millionenpublikum bloßstellen ließen und bereitwillig all die Kleinigkeiten offenbarten, die sie nicht voneinander wussten. Oder, schlimmer, ihre komplette Ahnungslosigkeit.
    Um die Quote noch zu steigern, hätte ITV vielleicht ein paar diskrete Nachforschungen über die wirklich spannenden Dinge anstellen sollen, von denen die Ehepartner keinen Schimmer hatten. »Und jetzt zur Preisfrage des heutigen Abends: Geoff, wie, glauben Sie, verbringt Julie den Samstagabend am liebsten: a) vor dem Fernseher? b) im Kino? Oder c) mit ihrem heimlichen Liebhaber Gerald, der sich wenigstens ab und zu nach ihrem Befinden erkundigt?«
    Aber die eigentliche Botschaft von Mr & Mrs lautete: Eine Ehe erschöpft sich im Großen und Ganzen darin, dass man einander sehr gut kennt. Und sich mit der Zeit eine gewisse Vertrautheit einstellt. Auf den riesigen, mit rosa Herzen bedruckten Valentinskarten müsste eigentlich » Ich habe mich total an dich gewöhnt« stehen oder » Liebe ist … genau zu wissen, was du sagen wirst, bevor du den Mund aufmachst «. Wie zwei Lebenslängliche in einer Gefängniszelle verbringt man so viel Zeit miteinander, dass am Ende praktisch nichts mehr bleibt, was einen noch zu überraschen vermag.
    Meine Ehe war anders.
    Viele Ehemänner neigen zur Vergesslichkeit. Sie vergessen, dass ihre Frau vormittags eine wichtige Besprechung hat, sie vergessen, die Wäsche aus der Reinigung zu holen, oder sie vergessen den Geburtstag ihrer Frau und suchen am Abend zuvor im Minimarkt der Texaco-Tankstelle um die Ecke verzweifelt nach einem passenden Geschenk. Es treibt ihre Partnerinnen in den Wahnsinn, wie ein Mann derart ichbezogen sein kann, dass er darüber ein bedeutendes Ereignis im Leben seiner besseren Hälfte oder gar seinen Hochzeitstag vergisst.
    Ich hingegen war weder zerstreut noch gedankenlos. Sondern vergaß schlicht und einfach, wer meine Frau war. Ihr Name, ihr Gesicht, unsere gemeinsame Geschichte, alles, was sie mir je erzählt hatte, alles, was ich je zu ihr gesagt hatte, war gelöscht, und nichts deutete mehr darauf hin, dass sie überhaupt existierte. Bei Mr & Mrs hätte ich wohl eher mäßig abgeschnitten. Ich stellte mir vor, wie die glamouröse Assistentin meine Frau aus der schalldichten Kabine eskortierte und ich schon für meine erwartungsfrohe Frage, mit welcher der Damen ich denn nun verheiratet sei, einen beträchtlichen Punktabzug kassierte. Frauen mögen so etwas anscheinend gar nicht.
    Zu meiner Verteidigung sei angemerkt, dass ich nicht nur meine Frau, sondern auch alles andere vergaß. Wenn ich sage: »Ich weiß noch, wie ich mir Mr & Mrs anschaute«, ist das eine für meine Verhältnisse ziemlich gewichtige Aussage. Wendungen wie »ich weiß noch« oder »ich erinnere mich« gehörten nicht immer zu meinem aktiven Wortschatz. Es gab Zeiten, in denen mir der Titel der Sendung zwar eventuell bekannt vorgekommen wäre, ich mich aber nie und nimmer hätte entsinnen können, sie je gesehen zu haben. Auch war meine Amnesie alles andere als parteiisch: Ich wusste ebenso wenig, wer ich war. Ich hatte keinerlei Erinnerung an Freunde, Verwandte oder persönliche Erlebnisse. Ich wusste nicht einmal mehr, wie ich hieß. Als es passierte, sah ich allen Ernstes nach, ob mein Jackett vielleicht mit einem Namensschild versehen war. Aber da stand nur »Gap«.
    Mein bizarres Erwachen geschah in einem Zug der Londoner U-Bahn, kurz nachdem er den Tunnel verlassen hatte und in gesichtslosen Käffern Station machte, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie nun Londoner Außenbezirke oder Vororte des Flughafens Heathrow sein wollten.
    Es war ein nieselgrauer Nachmittag im Herbst, wie ich mit einigem Befremden feststellte. Es traf mich weder ein blendender Blitzschlag noch eine Welle der Euphorie; mich beschlich lediglich leise Verwirrung darüber, wo ich mich befand. Summend setzte sich der

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