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Der Mann am Strand

Der Mann am Strand

Titel: Der Mann am Strand
Autoren: Henning Mankell
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Der Mann am Strand
    Erzählung
    Aus dem Schwedischen
    von Wolfgang Butt
    Ein DirectE Book
    Exklusiv bei Weltbild / A&M
    Die schwedische Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel
    »Mannen pa stranden« im Erzählband »Pyramiden« von Henning Mankell im Ordfront Verlag, Stockholm.
    Am Nachmittag des 26. April 1987 saß Kriminalkommissar Kurt Wallander in seinem Dienstzimmer im Polizeipräsidium von Ystad und schnitt sich gedankenverloren Haare aus seinem Nasenloch. Es war kurz nach fünf. Er hatte gerade eine Mappe zugeklappt, in der Mate-rial über die trostlose Fahndung nach einer Autoschieberbande ge-sammelt war, die gestohlene Luxusautos nach Polen schmuggelte.
    Die Ermittlungen konnten sich inzwischen, gewisse Unterbrechun-gen eingerechnet, der zweifelhaften Ehre eines zehnjährigen Beste-hens erfreuen. Sie waren angelaufen, als Wallander gerade erst in Ystad zu arbeiten begonnen hatte. Insgeheim hatte er sich oft gefragt, ob sie an dem in ferner Zukunft liegenden Tag seiner Pensionierung noch weiterlaufen würden.
    Auf seinem Schreibtisch herrschte ausnahmsweise vollkommene Ordnung. Lange Zeit hatte dort das Chaos regiert; er hatte das schlechte Wetter zum Vorwand genommen, um zu arbeiten, denn er war Strohwitwer.
    Einige Tage zuvor waren Mona und Linda auf die Kanarischen Inseln geflogen. Für Wallander war diese Reise völlig überraschend gekommen. Er wußte nichts davon, daß Mona das Geld dafür zusam-mengespart hatte, und auch Linda hatte nichts gesagt. Gegen den Widerstand ihrer Eltern hatte sie vor kurzem das Gymnasium ge-schmissen. Im Augenblick machte sie vor allem einen zornigen, müden und verwirrten Eindruck. Wallander hatte die beiden frühmor-gens nach Sturup gefahren; auf dem Rückweg nach Ystad dachte er, daß er eigentlich nichts dagegen hatte, ein paar Wochen ganz für sich allein zu haben. Seine Ehe mit Mona knackte in allen Fugen.
    Woran es lag, wußten beide nicht. Aber beiden war klar, daß Linda in den letzten Jahren ihre Beziehung zusammengehalten hatte. Was würde jetzt passieren, da sie die Schule aufgegeben und angefangen hatte, ihren eigenen Weg zu gehen?
    Er stand auf und trat ans Fenster. Der Wind zerrte und rüttelte an 3
    den Bäumen auf der anderen Straßenseite. Es nieselte. Das Ther-mometer zeigte vier Grad über Null. Noch war der Frühling in weiter Ferne.
    Er zog die Jacke an und verließ das Zimmer. An der Anmeldung nickte er der Wochenendvertretung zu, telefonierte. Er fuhr mit dem Wagen ins Zentrum. Während er überlegte, was er fürs Abendessen einkaufen sollte, schob er eine Kassette mit Maria-Callas-Arien in den Kassettenrecorder.
    Sollte er überhaupt etwas einkaufen? Hatte er überhaupt Hunger?
    Seine Unentschlossenheit ärgerte ihn. Gleichzeitig hatte er keine Lust, wieder in seine alte Unart zu verfallen und an irgendeinem Im-bißstand Hamburger zu essen. Mona hatte ihn immer öfter darauf hingewiesen, daß er dick würde. Und sie hatte recht. Vor ein paar Monaten hatte er eines Morgens sein Gesicht im Badezimmerspie-gel angestarrt und plötzlich eingesehen, daß seine Jugend unwider-ruflich vorbei war. Er würde bald vierzig sein, sah aber älter aus.
    Früher hatte er eher jünger gewirkt, als er war.
    Verstimmt fuhr er auf den Malmöväg und hielt bei einem der Super-märkte. Als er die Tür zuschlagen wollte, begann im Wageninneren sein Autotelefon zu summen. Einen Moment lang überlegte er, ob er es ignorieren sollte. Was es auch sein mochte – sollte sich doch ein anderer darum kümmern. Im Augenblick hatte er mit seinen eigenen Problemen genug zu tun. Aber er überlegte es sich doch, griff zum Hörer und meldete sich.
    "Wallander?" hörte er seinen Kollegen Hansson fragen.
    "Ja."
    "Wo bist du?"
    "Ich wollte gerade einkaufen."
    "Mach das nachher. Komm statt dessen her. Ich bin im Krankenhaus. Ich warte draußen auf dich."
    "Was ist denn los?"
    4
    "Es ist ein bißchen schwer zu erklären. Es ist besser, wenn du gleich kommst."
    Er hatte aufgelegt. Wallander wußte, daß Hansson nur anrief, wenn etwas Ernstes war. Er brauchte nur ein paar Minuten zum Krankenhaus. Vor dem Eingang kam Hansson ihm schon entgegen. Er schien zu frieren.
    Wallander versuchte, von seinem Gesicht abzulesen, was passiert war. "Was ist denn los?"
    "Da drinnen sitzt ein Taxifahrer, er heißt Stenberg", sagte Hansson.
    "Er trinkt Kaffee und ist völlig außer sich."
    Wallander folgte Hansson durch die Glastüren.
    Die Cafeteria lag rechts. Sie gingen an einem alten Mann vorbei, der
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