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Der Lockvogel

Der Lockvogel

Titel: Der Lockvogel
Autoren: Chris Morgan Jones
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Hoch oben in der Luft sieht Webster im Licht der Morgendämmerung die kupferrote Wüste unter sich vorbeiziehen, in endlosen Wellen rollt der Sand gen Süden. Inessa hat sich neben ihm zusammengerollt und schläft, unbeeindruckt von den Turbulenzen und den betrunkenen russischen Ingenieuren, die auf der anderen Seite des Gangs ihre Lieder grölen.
    Der Wüstensand weicht dem Gras der kasachischen Steppe. Wenn er sein Gesicht an die Scheibe presst, kann er sehen, wie sich in der Ferne das Altaigebirge bis nach China erstreckt. Er schaut zu Inessa hinüber. Sie ist klein genug, um in ihrem starren Sitz bequem zu liegen, die Knie kindlich hochgezogen bis an die Brust. Es kommt selten vor, dass sie so ruhig ist, selten, dass sie schweigt.
    Sie öffnet für einen Moment die Augen, schiebt sich eine schwarze Locke aus der Stirn und schläft wieder ein. Webster versucht, eine bequeme Haltung für seine schmerzenden Beine zu finden, aber der Sitz vor ihm ist im Weg. Fünf Stunden Nachtflug von Moskau. Das würde er für niemanden sonst auf sich nehmen.

    Öskemen gehört heute zu Kasachstan, doch seine sowjetische Vergangenheit ist nicht zu übersehen: breite Autostraßen, gesäumt von dichten Pappelreihen, Wohnsilos auf
müllübersäten Grundstücken, einige prächtige Gebäude aus der Zarenzeit und Kirchen mit goldenen Kuppeln. Die Stadt liegt heiß unter der flirrenden Sonne, ein kräftiger Wind bläst aus der Ebene und lässt die Bäume sich über die Straße neigen.
    Die Fabrik befindet sich etwa 100 Kilometer entfernt auf der anderen Seite eines niedrigen Gebirgskamms. Während Webster fährt, schimpft Inessa auf die Besitzer, eine Gruppe von Russen, die die Arbeiter ausplündern, die Regierung bestehlen und offenbar Freude daran haben, sogar den eigenen Betrieb langsam zugrunde zu richten. Er hat das alles schon gehört, hat ihre Artikel gelesen, doch er hört bereitwillig ein weiteres Mal zu.
    Die Straße windet sich von den Bergen hinunter, und sie sehen, dass ein schweres, graues Wolkenband über dem breiten Tal hängt, in dem die Fabrik steht. Das Gras am Straßenrand ist gelb und spärlich; junge Bäume, die kürzlich entlang der Böschung gepflanzt wurden, lehnen sich schlaff gegen ihre Stützen; die Felder im Umkreis sind alle unbestellt. Zwei oder drei Kilometer vor ihnen, über der mageren, geduckten Stadt, quillt schwarzer Rauch aus einem Dutzend Schornsteinpaaren.
    Die Stadt ist eine Kaserne für die Fabrik. Zwanzigtausend Menschen wohnen in den einförmigen Blocks, kaufen ihre Lebensmittel in den beiden Supermärkten, lernen in den drei Schulen. Es gibt eine Geschäftsstraße, eine Polizeistation, einen staubigen Park.
    Im Krankenhaus reden Webster und Inessa mit Ärzten, die brüchige Knochen und Lungenentzündungen behandeln, mit Kindern, die niemals lächeln und beim Sprechen ihre Zähne verstecken, mit Arbeitern, die Mitte dreißig sind,
aber die Körper alter Männer haben. Es ist ein Tal ohne Landwirtschaft. Seit Jahrzehnten wird der Müll in einer Deponie entsorgt, die über keinerlei Abdichtung verfügt und Chemikalien ungehindert ins Grundwasser sickern lässt. Die neuen Eigentümer haben die Anlage vor fünf Jahren übernommen und nichts geändert.
    Niemand aus dem Unternehmen will mit ihnen sprechen. Sie stehen eine Zeit lang in der Hitze herum und diskutieren sinnlos mit einem Sicherheitsmann, der in seinem Häuschen an der Pforte sitzt. Hinter ihm scheint die Fabrik drohend auf die Stadt herabzublicken. Zwölf riesige, klotzige Hallen beherbergen die Öfen, und aus jeder von ihnen erheben sich dreißig Meter hohe Schornsteine, rot und weiß gestreift. Webster fotografiert und versucht, die immense Ausdehnung der Anlage einzufangen; es würde eine Viertelstunde dauern, sie zu durchqueren. Zwei Polizisten kommen, schwitzend in ihren Schirmmützen und militärisch anmutenden Uniformen, und schicken sie weg. Inessa weigert sich zunächst, aber ihnen ist klar, dass sie besser verschwinden sollten. Sie haben genug gesehen.
    Die Sonne steht tief am Himmel, sie geht früh hinter der schwarzen Bergkette unter, und es ist dunkel, bevor sie Öskemen erreichen. Beim Essen ist Inessa wütender, als er sie je erlebt hat. Er muss ihr versprechen, dass sie gegen dieses Unrecht kämpfen werden, gegen den Verrat an diesen Menschen.

    Webster schläft unruhig in seinem harten, sauberen Hotelbett. Eine Stunde vor Sonnenaufgang hört er im Halbschlaf, wie sich ein Schlüssel im Schloss dreht. Als er die Bettdecke

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