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Der letzte Vampir

Der letzte Vampir

Titel: Der letzte Vampir
Autoren: David Wellington
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hatte, war verschwunden. Er war wieder so weiß wie ein Blatt Papier. Wenn er alle seine Ahnen füttern wollte, würde er einen weiteren Blutspender finden müssen, und zwar bald.
    Meine Chancen waren ganz und gar nicht gut.
    Er schaffte es, noch einen dritten Leichnam mit Blut vollzuspucken, nur mit dem, was er in sich hatte. Er würgte den Tod heraus. Den Tod der Kellnerin aus dem Diner. Den Tod des SWAT-Teams, die wir idiotischerweise unter zwanzig Pfund Kreuzen für sicher gehalten hatten. Er würgte Stücke von Webster hoch, dem guten Cop.
    Dann drehte er sich um und sah mich direkt an. Er bebte am ganzen Leib. Bebte, zitterte sogar. Seine Großeltern zu füttern hatte ihm alles abverlangt. War er genauso zittrig gewesen, bevor er die Kellnerin leergetrunken hatte? Er versuchte wieder, meinen Blick einzufangen, aber ich weigerte mich, mich erneut von ihm hypnotisieren zu lassen.
    Ich starrte auf meine rechte Hand. Ich hielt noch immer die Pistole. Es blieb ein Geheimnis, wie ich sie die ganze Zeit über hatte festhalten können, auf Lares’ Schultern, während des Schocks beim Eintauchen in den Fluss, während ich über das Boot geschleift wurde. Die Kälte musste meine Hand in eine Kralle verwandelt haben, die die Waffe nicht freigab.
    Lares taumelte auf mich zu. Seine Schnelligkeit war weg, seine Koordination völlig durcheinandergeraten. Aber er war noch immer ein kugelsicherer Vampir.
    Ich wusste, es war hoffnungslos. Die SWAT-Beamten hatten ihn mit dem Feuer aus vollautomatischen Maschinenpistolen in die linke Brustseite getroffen, aber die Kugeln hatten seine Haut nicht einmal geritzt. Sie waren nicht ein einziges Mal an sein Herz herangekommen, seinen einzigen verwundbaren Körperteil. Trotzdem hatte ich in diesem Augenblick nichts Besseres zu tun, als jede Kugel auf ihn abzuschießen, die ich hatte.
    Ich leerte das Magazin in seine Brust. Ich schoss wieder und wieder, bis mich der Lärm taub und das Mündungsfeuer blind gemacht hatte. In der Waffe waren noch drei Kugeln gewesen, und ich schoss sie ihm alle in die Brust. Die Hohlspitzgeschosse rissen ihn auf, verteilten Fleischstücke und Streifen seiner weißen Haut im ganzen Laderaum. Er wollte lachen, aber seine Stimme war nur mehr ein schwaches Zischen, wie Luft aus einem aufgestochenen Reifen.
    Ich sah, wie sein Leib aufplatzte. Ich sah seine Lungen, die leblos und schlaff in seinem Brustkorb hingen. Er kam näher. Immer näher. Nahe genug … Ich stieß mit der linken Hand zu und griff nach dem verkümmerten schwarzen Muskel, der einst sein Herz gewesen war.
    Der Schmerz ließ ihn aufheulen. Mich auch. Sein Körper reparierte bereits den Schaden, den ich angerichtet hatte, seine Zellen wucherten um die Schusswunden herum zusammen. Seine Rippen wuchsen wie Scherenklingen, die gegen die zerbrechlicheren Knochen meines Handgelenks drückten und meine Hand in seinem Körper festklemmten. Seine Haut wuchs über meinen Arm und zog mich auf ihn zu.
    Ich riss sein Herz heraus, wie man einen Pfirsich vom Baum pflückt.
    Lares’ Gesicht wurde vor Entsetzen dunkel, ein wilder Ausdruck trat in seine Augen, sein Mund klaffte offen, als könnte er ihn nicht kontrollieren, Blut und Speichel sprühten hervor. Seine Nasenlöcher weiteten sich, aus jeder seiner Körperöffnungen schoss ein Gestank wie aus einem offenen Abwasserkanal. Das Herz in meiner Hand hüpfte, wollte wieder dahin zurück, wo es hingehörte, doch mit meinen letzten Kräften drückte ich zu und hielt es fest. Lares schlug auf mich ein, aber seine Muskeln waren nicht mehr stark genug. Er sackte auf die Knie und stieß ein nicht enden wollendes Heulen aus. Nach einer Weile wurde es ein Wimmern. Er verlor sogar die Kraft zum Schreien.
    Und noch immer wollte er nicht sterben. Er klammerte sich an jeden Funken seines seltsamen Nichtlebens, klammerte sich daran wie ein Junkie an eine leere Spritze, versuchte durch reine Willenskraft nicht zu sterben.
    Unsere Blicke trafen sich, und es schien, als wollte er mich in sich hineinsaugen. Als wollte er mich hypnotisieren, mich erneut schwächen. Es funktionierte nicht.
    Als seine Bewegungen endlich erlahmten, war es fast schon Morgen. Ich hielt sein Herz in meiner geballten Faust, und es fühlte sich wie ein Stein an. Die anderen Vampire, die verwesten, krochen aus ihren Särgen, griffen nach ihm, griffen nach mir. Sie verstanden nicht, was passiert war. Sie waren blind und taub und stumm, und sie kannten nur den Geschmack von Blut. Ich vertrieb sie durch

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