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Der letzte Massai

Der letzte Massai

Titel: Der letzte Massai
Autoren: Frank Coates
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Prolog
    1875
    S ianoi zog an dem Strick, der um den Hals der Laikipiak-Frau lag. Die Frau kam wegen ihres geschwollenen Leibes nur langsam voran, doch das Kind, das sie trug, war der Grund, warum er sie für sich beansprucht hatte. Nun, da die Purko die Laikipiak vernichtet hatten, konnte er einen kleinen Jungen gut gebrauchen, der seinen bei dem Überfall erbeuteten Anteil am Vieh der Besiegten hütete.
    Er blickte lächelnd nach Norden, wo eine große Staubwolke das Vorankommen der erbeuteten Herde erkennen ließ. Wenn er sich das Vieh mit seinen Purko-Brüdern geteilt hatte, würden sie es zum Weiden auf das saftige Gras des Laikipia-Plateaus zurückbringen, das nun ihnen gehörte.
    Die vernichtende Niederlage war die Rache für die verächtliche Arroganz, mit denen die Laikipiak die Purko in den letzten Jahren behandelt hatten. Sianoi hatte in dieser Zeit an mehreren kleineren Überfällen teilgenommen, die allesamt von einer unbefriedigenden Entschlusslosigkeit geprägt gewesen waren, aber nun bestand kein Zweifel mehr daran, dass die Purko der herrschende Stamm der Massai waren.
    Wären die Laikipiak geflohen, hätten womöglich genügend überlebt, um den Kampf an einem anderen Tag weiterzuführen. Die unbändige Stärke der Purko war wohlbekannt, und jeder, der so dumm war, sich ihnen in einem offenen Kampf entgegenzustellen, wurde vernichtend geschlagen. Allerdings waren die Laikipiak Massai-Brüder und eigensinnige Kämpfer, denen es widerstrebte, sich aus einem einmal begonnenen Kampf zurückzuziehen. Aber das war ein Fehler. Nun war die gesamte Laikipiak-Gruppe entweder tot oder in die Wälder geflohen, wo sie ein erbärmliches Dasein fristen und gezwungen sein würde, das unreine Fleisch wilder Tiere zu essen und wie Paviane nach Leckerbissen zu suchen. In den kommenden Jahren würde es keine Laikipiak geben. Ihre Frauen waren der Klinge zum Opfer gefallen oder in den Besitz eines würdigeren Purko-
Morani
gelangt.
    Der Strick ruckte. Sianoi drehte sich um und sah, dass sich die Frau krümmte und mit schmerzverzerrtem Gesicht den Leib hielt. Er war versucht, seine
Orinka
auf ihren nutzlosen Kopf herabsausen zu lassen, denn diese Unterbrechungen geschahen immer häufiger, doch eine solche Züchtigung hätte zur Folge, dass es noch schwieriger werden würde, sie zu seinem Lager zu schaffen. Er wartete einen Moment, ehe er mit einem brutalen Ruck an dem Strick zog und die Frau zwang, nach vorn zu stolpern, aber sie verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach zu Boden. Sie wimmerte vor Schmerz, und Wasser ergoss sich zwischen ihren Beinen und verdunkelte die staubige, rote Erde.
    Er war entsetzt. Nahm diese Schmach denn kein Ende?
    Der Uaso-Nyiro-Fluss war nicht weit entfernt. Dort konnte sie sich säubern oder was auch immer sie tun musste. Er zog an dem Strick und musste seine
Orinka
drohend schwingen, um sie dazu zu bewegen, weiterzugehen. Sobald sie das steinige Flussufer erreicht hatten, gestattete er ihr, sich in das seichte Wasser sinken zu lassen.
    Die Frau versuchte ihre gequälten Schreie zu unterdrücken, wand sich in dem plätschernden Wasser und umklammerte ihren geschwollenen Leib.
    Es war schlimm genug, dass er Zeuge eines solch beschämenden Unvermögens wurde, Schmerzen zu ertragen. Die Frauen der Purko benahmen sich bei der Geburt gewiss mit mehr Würde als diese Laikipiak-Hure. Jedenfalls sollte ein
Morani
ein solch würdeloses Benehmen nicht mit ansehen müssen. Sianoi kehrte ihr den Rücken zu.
    Die Schreie verstummten, und er vernahm ein Kreischen und einen erstickten Ruf. Er drehte sich um und sah, wie die Frau zwischen ihre Beine griff und den Säugling aus dem blutigen Fluss zog.
    Sianoi taumelte vor Entsetzen zurück. Er stürzte zu Boden, und sein Schild und sein Speer fielen auf die Felsen.
    Aus einer Vielzahl von Kindheitserinnerungen entsann er sich mit einem Mal an eine Geschichte über ein Kind, das mit einem Stein in seiner Handfläche zur Welt gekommen war. In seinem Kopf drehte sich alles, als er versuchte, sich an die unheilverkündenden Warnungen des Gleichnisses zu erinnern, denn vor ihm am Flussufer lag ein Neugeborenes, das nicht nur in einer seiner winzigen Fäuste einen Stein hielt, sondern in beiden.

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    Teil 1
    Massai-Land
    Kapitel 1
    1885
    L aikipiak!«
    Der Schrei hing wie ein schwebender Kampfadler in der stillen Luft der Steppe. Der Massai-Junge erstarrte. Über ihm waren fünf Gestalten in den Himmel geätzt, und eine jede hielt einen Hirtenstock

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