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Der Kalligraph Des Bischofs.

Der Kalligraph Des Bischofs.

Titel: Der Kalligraph Des Bischofs.
Autoren: Titus Müller
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    |9| 1. Kapitel
    Unermüdlich liefen die zwei Ochsen, sanken mit ihren gespaltenen Hufen in die Schneedecke ein, schoben sich und das Joch auf
     ihren Schultern vorwärts. Hinter ihnen rollte ein Karren. Er war aus grobem Holz gezimmert und mit einer Plane aus Segeltuch
     zugedeckt; als Räder dienten unförmige Holzscheiben, die ihn in eine rumpelnde Schaukelbewegung brachten. Schneeklumpen wurden
     von den Scheiben aufgehoben und fielen dumpf herab.
    Der Weg war schmal, und oft stieß der Wagen gegen einen tiefhängenden Tannenast oder ein Gebüsch, ein weißes Rieseln auslösend.
     Wie die Zweige wurden die Gerüche des Waldes vom Schnee zugedeckt, und so war die Luft unbeladen, klar, fast stechend leer.
     Auch das Ächzen des Karrens versank hilflos in der gedämpften Stille rechts und links des Weges. Wo am Himmel die Wintersonne
     stehen sollte, drang wenig mehr als ein blauweißes Schimmern durch die Wolkendecke.
    Vorn auf dem Wagen saßen zwei Männer. Der stämmigere der beiden hatte sich eine Peitsche unter den Arm geklemmt und die Hände
     tief in der Pelzkleidung vergraben. Er schien mit offenen Augen zu schlafen, denn sein Blick wurde vom Schaukeln des Karrens
     umhergeworfen, fast willenlos, ohne irgendwo haftenzubleiben. Der andere dagegen sah aufmerksam um sich. Er war in eine Decke
     gehüllt und taute mit dem Atem die Schneeflocken, die sich darauf sammelten. Immer wieder glitten seine Augen über das Waldesdickicht;
     jetzt beugte er sich seitwärts vom Karren, um nach hinten zu schauen.
    »Ihr fahrt zu einem Köhler?« fragte Germunt über die Schulter hinweg.
    |10| Der Stämmige brummte zustimmend.
    »Gibt es vorher eine Ortschaft, in der Ihr mich absetzen könnt?«
    »Ein Romane betreibt ein kleines Gasthaus am Weg.«
    »Gut.«
    Knochen knackten, als der Stämmige sich streckte. Nach einem lauten Gähnen fing er an, in der Kleidung zu graben, und holte
     ein kleines Säckchen hervor. Die Finger pickten darin herum, und ein leises Klingeln erscholl. »Nun, junger Freund, du bist
     mir sicher dankbar, daß du auf dem Wagen mitfahren durftest.«
    Germunt sah zum Säckchen hinüber. »Natürlich, schon.«
    »Wie dankbar genau? Einen Silberpfennig?« Der Stämmige grinste.
    »Ihr wärt die Strecke doch so oder so gefahren.«
    »Und du hättest dich fürchterlich verlaufen.«
    Germunt lachte. »Diesen Weg kann man nicht verfehlen.«
    Der Stämmige verstaute das Säckchen wieder. Dicke Falten erschienen auf seiner Stirn. »Hör zu, du Esel. Bis hierhin soll dich
     der Weg nichts kosten. Bin ja kein Unmensch. Aber wenn ich dich bis vor die Tür des Gasthauses fahre, muß was für mich rausspringen.
     Einen Pfennig wirst du doch bei dir haben! Entweder du zahlst, oder du läufst.«
    Germunt starrte auf die weißen Wolken, die aus den Nüstern der Ochsen stoben. »Wie weit ist es bis dahin?«
    »Weit.« Der Gefragte reckte aufwendig das Gesicht zum Himmel. Er nahm einen tiefen Atemzug. »Und wenn mich nicht alles täuscht,
     wird es bald schneien.«
    »Es ist nicht christlich, die Not eines anderen auszunutzen.«
    »Findest du? Ich zwinge dich zu nichts. Du hast die freie Wahl, ob du dich durch den Schnee kämpfen willst oder ob du einen
     Pfennig aus deiner Geldkatze opferst. Übrigens hast du mit der Entscheidung noch bis zu dieser Wegbiegung da Zeit.« Der Stämmige
     deutete mit der Peitsche voran.
    »Zu gütig.« Germunt streckte die müden Glieder. »Nun, |11| dann wünsch ich Euch viel Erfolg, wenn Ihr Eure Kisten mit Nägeln verkauft. Ihr scheint ja große Not zu leiden.« Mit diesen
     Worten sprang er vom Karren und wandte sich rechts in den Wald. Er hatte längst das kleine Licht bemerkt, das in einiger Entfernung
     zwischen den Bäumen schimmerte.
    »Mögen dir die Zehen abfrieren!« rief ihm der Karrenführer hinterher. Er ließ die Peitsche auf die Ochsenrücken knallen.
     
    Tatsächlich erinnerten Germunt schon die ersten fünf Schritte daran, daß er Löcher in den Sohlen hatte. Kalt drang der Schnee
     in die Stiefel ein. Zuerst hatte er das Gefühl, auf rundgeschliffenen Steinen zu laufen, dann spürte er seine Füße überhaupt
     nicht mehr. Er schlug die Decke um sich und ging weiter, mal humpelnd, mal springend, immer auf das Licht zu.
    Das Haus, das er schließlich erreichte, bestand aus einem riesigen Dach und niedrigen Holzwänden. An der Seite hatte es drei
     Luken, zwei waren mit Läden fest verriegelt, eine jedoch offen, um frische Luft hereinzulassen. Als Germunt auf

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