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Der Kaiser von China

Der Kaiser von China

Titel: Der Kaiser von China
Autoren: Tilman Rammstedt
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Es ist viel Raum in den Hautfalten des Buddha.
Chinesisches Sprichwort

    Dass mein Großvater zu dem Zeitpunkt, als mich seine vorletzte Postkarte erreichte, bereits tot war, konnte ich nicht wissen. Ich hatte sie ungelesen beiseitegelegt , so wie ich auch die vorangegangenen Postkarten ungelesen beiseitegelegt hatte. Gemeinsam mit den Rechnungen und Wurfsendungen, zwischen denen sie fast täglich lauerten, bildeten sie unter dem Schreibtisch einen immer waghalsigeren Stapel, den ich mit einer alten Zeitung abdeckte, auch wenn das wenig half, ich wusste schließlich, was sich darunter verbarg.
    Seit zehn Tagen spielte sich fast alles unter dem Schreibtisch ab. Auf Händen und Füßen kroch ich herum und bewegte mich nur noch in den von außen nicht sichtbaren Bereichen des Zimmers, die Knie mit Spülschwämmen gepolstert. Ich schlief unterm Schreibtisch, ich schmierte mir Brote dort, ich zeichnete einen Sternenhimmel auf die Unterseite der Tischplatte und wartete darauf, dass die zwei Wochen vorbei waren, dass ich glaubhaft aus China zurück sein konnte, um das, was es zu erklären gab, irgendwie zu erklären, eine Erklärung für meinen Großvater, eine für Franziska, eine für meine Geschwister, wenn sie mich bis dahin nicht entdeckt hatten. So schnell wie möglich musste ich mir etwas einfallen lassen, für Postkarten war da keine Zeit, die konnten so lange warten, und auch mein Großvater, so glaubte ich zu wissen, konnte so lange warten, und dann kam der Anruf, und das mit dem Warten hatte sich erübrigt.
    Selbstverständlich war ich nicht ans Telefon gegangen, seit zehn Tagen schon war ich nicht mehr ans Telefon gegangen, auf dem Anrufbeantworter hörte ich eine Frau, die mich um einen Rückruf bat. »Es ist dringend«, sagte sie, aber ich ahnte schon, dass das nicht stimmte, dass ich es mit dem Undringlichsten der Welt zu tun hatte, trotzdem rief ich zurück, und aus meinem Großvater wurde ein toter Großvater, aus seiner Postkarte wurde seine vorletzte Postkarte und aus mir etwas sehr Verwirrtes und sehr Einsilbiges. »Ja«, sagte ich ein paar Mal, und »Nein« sagte ich und »Gut«, obwohl nichts gut war, weil ich nun zwar ein Problem weniger hatte, dafür aber etliche neue, und ich legte auf, nahm die vorletzte Postkarte vom Stapel und glaubte zu wissen, dass ich traurig war.
    Auf der Vorderseite der Postkarte war die Statue eines dicken Mannes zu sehen, der inmitten einer goldenen Blüte auf einem Elefanten saß, die Rückseite war wieder übersät mit den winzigen knorrigen Buchstaben meines Großvaters, die zu entziffern mir schon immer schwergefallen war, die nun aber, wie ich feststellte, zu vollkommener Unlesbarkeit verkommen waren, selbst mit einer Lupe konnte ich keine wiederkehrenden Strukturen ausmachen, noch nicht einmal die Vokale eingrenzen. Bevor ich aufgab, hatte ich ein »Gut« entdeckt, ein »Berg« und ein »Morgen« oder »Mögen« oder »Magen«, aber ganz sicher war ich mir da nicht.
    Nur der letzte Satz war deutlich geschrieben, größer als der Rest und gen au wie die Adresse in Druckbuchstaben, so tief in die Karte gekerbt, dass sie sich auf der Rückseite spiegelverkehrt in den Elefanten drückten. »Du hättest mitkommen sollen«, stand da, und dahinter hatte mein Großvater ein keilförmiges Ausrufezeichen gesetzt, das mich endgültig davon überzeugen sollte, dass es sich um keine nette Floskel handelte, um keinen Ausdruck des zugeneigten Bedauerns, sondern um eine handfeste Enttäuschung, um einen Vorwurf, eine Drohung, und weil es nun seine vorletzte Karte geworden war, drohte es erst recht, als ob er nicht gestorben wäre, wenn ich ihn begleitet hätte, als ob sein Herz dann nicht auf einmal ausgesetzt hätte, oder wenn, dann wenigstens in China, aber am besten gar nicht, er hätte sich, wenn ich mitgekommen wäre, nur kurz an mir festhalten müssen, »Nichts, mir ist nur etwas schwindelig«, hätte er gesagt, und ich hätte ihn zu einer Parkbank gebracht, ihm eine Flasche Wasser gekauft, weil mir nichts anderes eingefallen wäre, weil auch nichts anderes nötig gewesen wäre, »Geht schon wieder«, hätte mein Großvater nach ein paar Minuten gesagt und seinen Kamm rausgeholt, die Frisur wäre sein größtes Problem gewesen.
    »Du hättest mitkommen sollen«, mich ärgerte dieser Satz, ich hörte, wie er ihn aussprach, wie er das »hättest« betonte, wie sich seine Augenbrauen nach unten wölbten, wie er mich danach anblickte, als ob er eine Antwort erwarte, die richtige

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