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Der Hirte, Teil 3 (Der Hirte - eine mittelalterliche Weihnachtsgeschichte) (German Edition)

Der Hirte, Teil 3 (Der Hirte - eine mittelalterliche Weihnachtsgeschichte) (German Edition)

Titel: Der Hirte, Teil 3 (Der Hirte - eine mittelalterliche Weihnachtsgeschichte) (German Edition)
Autoren: Richard Dübell
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3. Teil
© 2011 Richard Dübell
     
    „Du hattest doch eine klare Anweisung!“, tobte Rainald. Er wickelte Stoffstreifen um den Riss in Johannes’ Oberschenkel. Der Junge biss sich auf die Lippen und stöhnte. Die Tränen, die seine Wangen herabrollten, kamen vom Schmerz, aber nicht von ihm allein. Rainald hörte sich selbst zu und fragte sich, warum er seiner Erleichterung, dass Johannes nicht schlimmer verletzt war, mit Fluchen und Geschrei Luft machte, anstatt ihn einfach zu umarmen. Der Junge war sein Sohn! Und er war tapfer gewesen, ohne Zweifel.
Er war dumm gewesen.
Er hatte sich und seine Schwester in Gefahr gebracht. Er hatte eine Anweisung nicht befolgt.
Wieder einmal …
„Wie willst du jetzt weiterkommen mit dem Bein, he?“, schrie Rainald. „Glaubst du, ich kann dich auch noch tragen? Ich muss schon Blanka tragen! Und unsere Sachen!“
„Ich kann etwas tragen“, sagte Schwester Venia.
„Das hab ich gesehen“, schnappte Rainald. „Nehmt den Jungen nicht in Schutz, er hat verantwortungslos gehandelt!“ „Aber nicht wie ein Feigling!“, sagte Johannes mit heißen Wangen.
„Worüber soll ich mich mehr freuen? Über deine vergangene Feigheit oder deine gegenwärtige Dämlichkeit?“
Johannes keuchte und biss sich auf die Knöchel. Rainald betrachtete seine Hände und sah, dass er den Knoten des Verbands zu stramm zugezogen hatte. Er lockerte ihn wieder. Johannes hatte den Kopf gesenkt und weinte leise. Bevor er sich selbst aufhalten konnte, legte Rainald ihm eine Hand auf den Kopf und tätschelte sein Haar. Johannes schluchzte. Wie oft hatte er den Jungen so getröstet, nachdem Umarmungen und das Vergießen von Tränen an der Schulter des Vaters zu kleinkinderhaft für Johannes’ Selbstbewusstsein geworden waren? Aber das war eine Sache aus der Zeit vor jenem Augenblick, in dem Rainald in sein eigenes Spiegelbild geblickt und einen Mann gesehen hatte, der wusste, dass er nie mehr zu dem würde zurückkehren können, was vorher gewesen war, und der sich plötzlich wünschte, zerschmettern, zermalmen, zerstören zu können, um seinen eigenen Schmerz in dem der anderen zu ertränken. Irgendwo in ihm gab es etwas, das ihn bisher daran gehindert hatte, den Weg zu der Bestie in Menschengestalt, die ihn damals aus dem Spiegel heraus angestarrt hatte, zu Ende zu gehen; aber der Weg war da, und er stand mit beiden Beinen darauf und hatte schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt. War es der Teil von Sophia, der in seinem Herzen zurückgeblieben war, der ihn aufhielt? Sie fehlte ihm, sie fehlte ihm mehr, als er in Worte fassen konnte. Die trostspendende Berührung Johannes’ zerrte die unwiederbringlich vergangenen Zeiten so abrupt in seinem Bewusstsein empor, dass der Schmerz fast so schlimm war wie am ersten Tag. Er zuckte zurück und stand auf. „Wir nehmen die Furt“, sagte er.
„Was?“, keuchte Schwester Venia.
„Wir können sie erreichen – flussaufwärts, vielleicht eine Stunde Weg.“
„Eine Furt? Wie tief ist sie?“
Rainald zuckte mit den Schultern. „In einem trockenen Sommer schauen die Sandbänke heraus.“
„Wir haben aber nicht Sommer. Es ist Winter. Der Fluss ist tief. Und so kalt wie ein Grab.“
„Kälte bringt einen nicht gleich um.“
„Was glaubst du, warum sich hier eine Fähre etablieren konnte? Weil die Furt das ganze Jahr über begehbar ist? Bestimmt nicht!“
„Ich trage euch alle hinüber.“
„Rainald, du musst uns nach Trier bringen!“
Rainald bückte sich und schnürte das Bündel auf. „Blanka, meine Kleine, wir müssen ein paar Sachen hierlassen. Wir holen sie uns später wieder, einverstanden?“
Schwester Venia stampfte mit dem Fuß auf. Rainald sah verblüfft hoch. Nach ihrem verrückten Angriff auf die Wölfe hätte ihm klar sein sollen, dass sie nicht den blutleeren, vom Beten und Fasten zahm gewordenen Geschöpfen entsprach, die er bislang als Klosterschwestern kennengelernt hatte, aber ihr Zorn überraschte ihn trotz allem.
„Was ist in der Stadt, vor dem du dich fürchtest?“, rief sie. „Geht es nur darum, dass der Vorschlag nicht von dir stammt? Deine Sturheit beleidigt Gott!“
Rainald griff blind in das Bündel und kam mit einer Handvoll von Blankas Besitztümern wieder daraus hervor. „Das lassen wir hier, Blanka, ja?“
Blanka begann zu weinen.
„Wenn du es mir nicht sagen willst, frage ich die Kinder …“ Rainald ließ seine Beute wieder in das Bündel fallen. Sein Blick traf Schwester Venia. Sie machte schmale Augen. „Glaubst du,

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