Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Herzog Von Köln

Der Herzog Von Köln

Titel: Der Herzog Von Köln
Autoren: Michael Moorcock
Ads
 
1 Graf Brass
     
    Graf Brass ritt eines Morgens auf seinem gehörnten Ross, um das Land zu besichtigen. Er ritt, bis er zu einer kleinen Anhöhe kam, die eine uralte Ruine trug. Es waren die Überreste einer gotischen Kirche, deren dicke Steinwände von Wind und Regen glatt geschliffen waren. Efeu überwucherte große Teile, und dieser Efeu blühte, so dass zu dieser Jahreszeit purpurne und bernsteinfarbene Blüten die dunklen Fenster zierten. Sie waren ein ausgezeichneter Ersatz für die bunten Glasfenster, deren Platz sie nun eingenommen hatten.
    Auf seinen Ritten kam Graf Brass stets zu der Ruine. Er fühlte eine gewisse Freundschaft zu ihr, denn wie er war auch sie alt; wie er hatte sie schwere Zeiten überlebt, und wie ihn schienen die Widrigkeiten der Zeit sie eher gestärkt als geschwächt zu haben. Der Hügel, auf dem die Ruine stand, war bewachsen mit kräftigem hohem Gras, das der Wind bewegte. Um den Hügel erstreckten sich die unendlich wirkenden Marschen der Kamarg – die Heimat der weißen Stiere, der Herden gehörnter Pferde und der riesigen Flamingos, die so groß waren, dass sie leicht einen erwachsenen Mann tragen könnten.
    Der Himmel trug blaßgraue Wolken, die Regen mit sich führten, und zwischen ihnen hindurch fiel wässriggoldenes Sonnenlicht auf die polierte Messingrüstung Graf Brass’, die wie eine Flamme erstrahlte. Der Graf trug ein gewaltiges Breitschwert an der Seite, und ein einfacher Helm, der ebenfalls aus Messing gefertigt war, saß auf seinem Kopf. Sein ganzer Körper steckte in schwerem Messing, und sogar Handschuhe und Stiefel bestanden aus Messingringen, die auf das Leder aufgenäht waren. Der Graf war groß und breitschultrig, mit einem sonnengebräunten Gesicht, das aussah, als wäre es ebenfalls aus Messing geformt, und zu dem die goldbraunen Augen gut passten. Nur der Schnurrbart und das dichte Haupthaar hoben sich in leuchtendem Rot von dem glänzenden Goldton ab. In der Kamarg und noch weit darüber hinaus munkelte man, dass Graf Brass gar kein Mensch, sondern eine lebende Statue aus Messing sei – ein Titan, unbesiegbar und unsterblich.
    Doch jene, die ihn näher kannten, wussten sehr wohl, dass er ein Mensch in jedem Sinn war – ein treuer Freund und ein schrecklicher Feind; ein Mann, der gerne lachte, dessen Zorn man aber fürchten musste; ein großer Zecher, ein gewaltiger, aber nicht wahlloser Esser; ein kluger Kopf; ein Schwertkämpfer und Reiter sondergleichen; ein Gelehrter der Geschichte und der Belange der Menschen; ein Liebhaber, gleichermaßen zärtlich und wild. Graf Brass, mit seiner rollenden, weichen Stimme und seiner Lebenskraft, war eine Legende; denn so außergewöhnlich wie er selbst waren auch seine Taten.
    Der Graf streichelte den Kopf seines Pferdes hinter dem spitzen, spiralförmigen Horn und blickte nach Süden, wo sich weit entfernt der Himmel und das wogende Meer berührten. Das Pferd schnaubte vor Behagen und der Graf lächelte. Er lehnte sich im Sattel zurück und zog kurz am Zügel. Das Tier brachte seinen Reiter den Hügel hinunter auf einen geheimen Pfad durch die Marschen auf die nördlichen Türme jenseits des Horizonts zu.
    Der Himmel wurde finster, als er den ersten Turm erreichte und seinen Wächter erblickte, eine wachsame, bewaffnete Silhouette gegen den Horizont. Obwohl die Kamarg nicht mehr angegriffen worden war, seit Graf Brass den korrupten ehemaligen Lordhüter abgelöst hatte, bestand nun eine mögliche Gefahr, dass umherziehende Armeen, bestehend aus jenen, die das dunkle Imperium besiegt hatte, in seinen Hoheitsbereich eindrangen, um Dörfer und Siedlungen zu plündern. Der Wächter, wie auch alle anderen, war gerüstet mit einer Flammenlanze von barockem Aussehen, einem vier Fuß langen Schwert, einem zahmen Reitflamingo, der an einer Seite der Brustwehr angebunden war, und einer heliographischen Vorrichtung, um Nachrichten an die anderen Türme weitergeben zu können. Es befanden sich auch noch andere Waffen in den Türmen, Waffen, die der Graf selbst gebaut und aufgestellt hatte. Die Wächter wussten zwar, wie diese Waffen wirkten, aber gesehen hatten sie es noch nie. Graf Brass versicherte ihnen, dass sie mächtiger waren als alle Waffen, die das Dunkle Imperium von Granbretanien besaß, und sie glaubten ihm, obwohl sie sich vor den seltsamen Apparaten ein wenig fürchteten.
    Der Wächter wandte sich um, als sich Graf Brass dem Turm näherte. Der schwarze Eisenhelm, der sich an die Wangen und die Nase schmiegte,

Weitere Kostenlose Bücher

Das Ambulanzschiff
Das Ambulanzschiff von James White
Der Henker von Lemgo
Der Henker von Lemgo von Bettina Szrama