Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Herzausreißer

Der Herzausreißer

Titel: Der Herzausreißer
Autoren: Boris Vian
Ads
1
    28. August
    Der Weg zog sich die Felsküste entlang. Er war verbrämt mit blühenden Kalaminen und schon etwas angewelkten Brujusen, deren schwarz gewordene Blütenblätter den Boden übersäten. Spitzige Insekten hatten den Erdboden durch Tausende kleiner Gänge unterhöhlt; das fühlte sich unter den Füßen an wie erfrorener Schwamm.
    Jacquemort schritt ohne Eile voran und betrachtete die Kalaminen, deren tiefrotes Blütenherz in der Sonne pochte. Mit jedem Pulsschlag wirbelte eine Wolke von Blütenstaub auf und sank dann wieder auf die von einem sachten Beben erschütterten Blätter zurück. Zerstreut machten Bienen sich daran zu schaffen.
    Vom Fuß der Steilküste drang das sanftraue Gerausche der Wellen herauf. Jacquemort blieb stehen und beugte sich über den schmalen Rand, der ihn vom Abgrund trennte. Alles war weit weg, lag senkrecht tief unter ihm, und Schaum glitzerte in den Felshöhlungen wie ein Raureif im Juli. Es roch nach verbrannten Algen. Von Schwindel erfaßt, kniete sich Jacquemort ins erdfahle Sommergras, den Boden dabei mit seinen ausgebreiteten Händen berührend; hierbei traf er auf Ziegenkotpillen von absonderlich unregelmäßiger Gestalt und kam zu dem Schluss, dass sich unter diesen Tieren auch der ›Bock von Sodom‹ befinden müsse, dessen Gattung er jedoch bislang für ausgestorben gehalten hatte.
    Nun hatte er weniger Angst und wagte von neuem, sich über den Abgrund zu beugen. Die großflächigen Steilwände aus rotem Fels fielen lotrecht in das nicht allzu tiefe Wasser ab, von wo sie fast ebenso bald wieder aufschossen, um der Felsküste Form zu geben, auf deren Kamm kniend Jacquemort sich jetzt hinunterbeugte.
    Schwarze Riffe ragten hier und dort hervor, eingeölt von der Brandung und gekrönt von einem Dunstreif. Die Sonne zerfraß den Meeresspiegel und besudelte ihn mit obszönen Sgraffiti.
    Jacquemort erhob sich und nahm seinen Weg wieder auf. Der Pfad machte eine Kehre. Zur Linken sah er schon rostig sich verfärbende Farnwedel und Heidekraut in voller Blüte. Auf den entblößten Felsen glimmerten Salzkristalle, die vom Fischtransport herrührten. Das Gelände stieg landeinwärts steil an. Der Pfad umrundete rohe Blöcke schwarzen Granits und zeigte neuerliche Spuren von Ziegendreck; nicht aber von Ziegen. Die Zöllner schießen dieselben ab, eben wegen des Drecks.
    Er beschleunigte seine Gangart und fand sich schlagartig im Schatten, da ihm die Sonnenstrahlen nicht mehr zu folgen vermochten. Erleichtert durch die Kühle, ging er noch rascher. Und die Blüten der Kalaminen wischten wie ein endloses Feuerband an seinen Augen vorbei.
    An gewissen Anzeichen erkannte er, dass er seinem Ziel näherkam, und machte sich mit aller Sorgfalt daran, seinen zerzausten roten Vollbart in Ordnung zu bringen. Hierauf schritt er wieder rüstig aus. Einen Augenblick lang tauchte das Haus in voller Größe zwischen zwei Granitzacken auf, die durch die Erosion die Form von Schnullern angenommen hatten und den Pfad wie die Säulen eines riesigen Portals flankierten. Wieder nahm der Weg eine Biegung, und er verlor es aus den Augen. Es stand ziemlich weitab vom Steilhang, ganz hoch oben. Als er zwischen den beiden finsteren Blöcken hervorkam, sah er es deutlich vor sich, sehr weiß und umstanden von eigenartigen Bäumen. Eine helle Linie löste sich vom Eingangstor, schlängelte sich gemächlich über die Anhöhe herunter und mündete schließlich in den Pfad. Jacquemort folgte ihr. Beinah auf der Anhöhe angelangt, fing er an zu laufen, weil er die Schreie hörte.
    Vom sperrangelweit geöffneten Haustor bis zum Treppenaufgang hatte jemand vorsorglich ein rotes Seidenband ausgelegt. Das Band stieg die Treppe hoch und endete im Schlafzimmer. Jacquemort folgte ihm. Auf dem Bett lag die Hochschwangere, eine Beute der hundertdreizehn Wehen der Niederkunft. Jacquemort ließ seine Ledertasche fallen, krempelte sich die Ärmel auf und seifte sich die Hände in einem Becken aus roher Lava ein.

2
    Allein in seiner Kammer wunderte sich Angel, dass er nicht litt. Er hörte seine Frau nebenan wimmern, konnte jedoch nicht hinübergehen und ihr die Hand halten, da sie ihn mit ihrem Revolver bedrohte. Sie zog es vor, nicht in Gegenwart von jemand zu schreien, denn sie hasste ihren dicken Leib und wollte nicht, dass man sie in diesem Zustand sähe. Seit zwei Monaten war Angel alleingeblieben und hatte darauf gewartet, dass alles zu Ende sei; er hatte über die unerheblichsten Dinge nachgedacht. Er ging ziemlich

Weitere Kostenlose Bücher

Kopernikus 6
Kopernikus 6 von Hans J. Alpers