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Der Händler der verfluchten Bücher (German Edition)

Der Händler der verfluchten Bücher (German Edition)

Titel: Der Händler der verfluchten Bücher (German Edition)
Autoren: Marcello Simoni
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PROLOG
    Im Jahr des Herrn 1205. Aschermittwoch.
    Eiskalte Windböen peitschten gegen die Mauern der Abtei von San Michele della Chiusa und trieben den Geruch von Harz und welken Blättern nach drinnen, Vorboten eines aufziehenden Unwetters.
    Die Vesper war noch nicht vorüber, als sich Pater Viviën de Narbonne entschloss, die Klosterkirche zu verlassen. Durch die wabernden Weihrauchdämpfe und die flackernden Kerzenflammen in Unruhe versetzt, schritt er durch das Eingangsportal und eilte über den schneebedeckten Hof. Am Horizont erstickte die Dämmerung gerade die letzten Funken Tageslicht.
    Ein plötzlicher Windstoß warf ihn beinahe zu Boden und jagte ihm einen Schauer über die Haut. Der Mönch hüllte sich noch enger in seine Kutte und runzelte die Stirn, als wäre ihm eine Kränkung widerfahren. Das ungute Gefühl, das ihn seit dem Aufstehen begleitete, schien ihn nicht mehr verlassen zu wollen; es hatte sich im Laufe des Tages eher noch verstärkt.
    In der Hoffnung, er könne seine innere Unrast durch ein wenig Schlaf besänftigen, wandte er sich dem Kreuzgang zu und schritt zwischen dessen Säulen hindurch, bis er das beeindruckende Dormitorium der Mönche erreichte. Im gelblichen Schein der Fackeln, der ihn dort empfing, fiel ihm einmal mehr die schier endlose Aufeinanderfolge von schmalen, ja erdrückend engen Räumen auf.
    Viviën schob dieses plötzliche Gefühl der Beklemmung beiseite, rieb sich die kalten Hände und durcheilte das Labyrinth aus Fluren und Treppen. Er hatte den dringenden Wunsch, sich niederzulegen, an nichts mehr zu denken, doch als er zu seiner Zelle gelangte, zuckte er jäh zusammen. In der Tür steckte ein kreuzförmiger Dolch. An seinem bronzenen Griff hing ein zusammengerolltes schmales Pergament. Der Mönch starrte es, von einer furchtbaren Vorahnung ergriffen, einen Moment lang an, bis er sich ein Herz fasste und las. Die Botschaft war kurz und schrecklich:
    Viviën de Narbonne,
    der Schwarzen Kunst für schuldig befunden.
    So lautet das Urteil
    des Geheimtribunals der Heiligen Vehme.
    Orden der Freirichter.
    Vor Angst benommen, sank Viviën auf die Knie. Die Heilige Vehme? Die Erleuchteten? Wie hatten sie ihn in dieser Zuflucht hoch in den Alpen aufgestöbert? Nach jahrelanger Flucht hatte er geglaubt, er hätte all seine Spuren verwischt und wäre nun in Sicherheit. Doch nein. Sie hatten ihn gefunden!
    Dennoch durfte er sich jetzt nicht der Verzweiflung überlassen. Wieder einmal musste er fliehen.
    Mit zitternden Beinen erhob er sich, riss hastig die Tür zu seiner Zelle auf, raffte achtlos ein paar Habseligkeiten zusammen und warf sich im Laufen seinen schweren Umhang über die Schultern. Auf dem Weg zum Stall kam es ihm so vor, als würden sich die in den Fels gehauenen Flure verengen und seine klaustrophobische Angst noch schüren.
    Beim Verlassen des Dormitoriums spürte er, dass sich die Luft weiter abgekühlt hatte. Der Wind trieb mit lautem Heulen die Wolken vor sich her und ließ die kahlen Zweige der Bäume hin- und herpeitschen. Seine Mitbrüder verweilten noch in der Klosterkirche, eingehüllt in die geheiligte Wärme des Hauptschiffs.
    Viviën zog seinen Umhang enger und betrat die Stallungen. Er sattelte ein Pferd, stieg auf und durchritt im Trab den Innenhof von San Michele. Dicke, nasse Schneeflocken legten sich schwer auf seine Schultern und durchdrangen den Wollstoff seines Umhangs. Doch nicht die Kälte ließ ihn frösteln, sondern seine Gedanken. Er war darauf gefasst, jeden Augenblick in einen Hinterhalt zu geraten.
    Als er den Durchgang in der Umfriedungsmauer fast erreicht hatte, kam ihm ein Mönch entgegen, die Kapuze seiner Kutte tief ins Gesicht gezogen. Er schlug sie zurück und enthüllte einen langen rabenschwarzen Vollbart und zwei erstaunte Augen. Es war Pater Geraldo da Pinerolo, der Cellerar des Klosters.
    »Wo willst du hin, Bruder?«, fragte er. »Kehr lieber um, bevor das Unwetter losbricht.«
    Viviën erwiderte nichts und ritt weiter dem Ausgang entgegen, innerlich betete er, dass es noch rechtzeitig genug für eine Flucht war … Doch am Tor erwartete ihn schon ein Karren, der von zwei Pferden, so dunkel wie die Nacht, gezogen wurde. Auf dem Bock saß ein einzelner Mann, ein Abgesandter des Todes. Viviën ritt scheinbar unbekümmert an ihm vorbei, das Gesicht unter der Kapuze verborgen und sorgfältig darauf bedacht, nicht dem Blick des Kutschers zu begegnen.
    Geraldo hingegen, der Viviën hinterhergeblickt hatte, näherte sich dem Fremden

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