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Der gruene Stein

Der gruene Stein

Titel: Der gruene Stein
Autoren: Martin Scott
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1. KAPITEL
    Es ist Sommer. Es ist heiß. Und die Stadt stinkt. Ich wurde soeben vor Gericht als Lügner beschimpft und Ziel eines Schwalls von Beleidigungen, unter dem selbst eine Statue zusammengezuckt wäre. Ich bin so gut wie pleite, habe keinen neuen Auftrag in Aussicht und brauche dringend ein Bier. Das Leben im Allgemeinen und im Besonderen ist eher hart zu mir. Und es ist kein guter Moment für meine verrückte Gefährtin Makri, mir die Ohren damit vollzujammern, dass sie eine Prüfung ablegen muss.
    »Gut, dir steht eine Prüfung bevor. Du wolltest doch unbedingt auf die Innungshochschule gehen. Was hast du denn erwartet?«
    »Hier handelt es sich nicht einfach um eine schriftliche Klausur. Ich muss nach vorn kommen und vor dem ganzen Kurs reden. Dabei habe ich ein schlechtes Gefühl.«
    »Du hast in den Gladiatorensklavengruben gekämpft. Da solltest du eigentlich an Zuschauer gewöhnt sein.«
    Makri schüttelt so heftig den Kopf, dass ihre schwarze Mähne auf ihrem schmalen Rücken tanzt. Unter diesem Haarhelm verbergen sich Makris spitze Elfenohren. Die ihr häufig Schwierigkeiten einbringen.
    »Das war etwas anderes. Damals habe ich Orgks niedergemetzelt. Das war längst nicht so anstrengend, wie vor einer Gruppe von Studenten reden zu müssen. Bei denen handelt es sich ausschließlich um Händlersöhne mit viel Geld und Dienstboten in ihren Villen. Sie verspotten mich immer, weil ich nur eine Kellnerin bin. Und außerdem: Wie soll ich mich ordentlich vorbereiten, wenn es in der Stadt heißer ist als in der orgkischen Hölle und stinkt wie in einem Abwasserkanal?«
    Die Sommer in Turai sind nie sonderlich angenehm, und dieser Sommer verspricht genauso mies zu werden wie der letzte, als Hunde und Menschen auf den Straßen zusammenbrachen und das Hauptaquädukt von ZwölfSeen achtzehn Tage hintereinander trocken war – ein neuer Rekord.
    Makri lamentiert weiter über ihre bevorstehende Prüfung, aber ich bin von meiner jüngsten Erfahrung vor Gericht noch zu sehr in Beschlag genommen, als dass ich auf sie achten könnte. Vor einigen Monaten habe ich einen Dieb am Hafen auf frischer Tat ertappt, einen gewissen Baxin. Er hat Elfenwein gestohlen. Ich habe ihn verfolgt und dingfest gemacht und ihn zusammen mit einem Haufen von Beweisen der Transportgilde überantwortet. Bedauerlicherweise hat es einen turanianischen Kriminellen noch nie daran gehindert, selbst dann mit einer ausgezeichneten Verteidigung vor Gericht aufzuwarten, wenn er in flagranti erwischt worden ist. Dieser widerwärtige Winkeladvokat in der Anwaltstoga, den Baxin angeheuert hat, konnte die Jury tatsächlich davon überzeugen, dass sein armer Mandant nur das unschuldige Opfer einer Verwechslung geworden ist. Der eigentliche Kriminelle in diesem Fall, so legte der Kerl dar, wäre der berüchtigt unzuverlässige Detektiv Thraxas, ein Mann, dessen fragwürdiger Charakter schließlich stadtbekannt wäre.
    »Verdammter Mist, letzten Winter hat niemand von meinem fragwürdigen Charakter geredet, als ich die Stadt vor Schande bewahrt habe. Ganz zu schweigen davon, dass Lisutaris nur durch meine Hilfe zur Oberhexenmeisterin der Zaubererinnung gewählt worden ist. Da hieß es nur: ›Danke, Thraxas, du bist ein Held.‹«
    »Na ja, wörtlich hat das eigentlich keiner gesagt«, wendet Makri ein.
    »Das hätten sie aber tun sollen.«
    »Wenn ich mich recht erinnere, habe ich sogar einige Zauberer murmeln hören, dass du von Rechts wegen ins Gefängnis gehören würdest. Und der Vizekonsul war sehr ärgerlich, dass du am letzten Tag des Zaubererkonvents volltrunken aufgekreuzt bist. Und zudem hat auch der Konsul gedroht …«
    »Ja, fein, Makri. Du musst mir die Undankbarkeit dieser Stadt nicht bis in die kleinste Einzelheit unter die Nase reiben. Gäbe es auch nur ein Fünkchen Gerechtigkeit auf dieser Welt, dann würde ich jetzt neben einem Schwimmbecken im Palast herumliegen, statt zu einer Kaschemme im schlimmsten Viertel der Stadt zurückzulatschen.«
    Wir kämpfen uns weiter durch die unerträgliche Hitze. Ganze Rudel von Hunden liegen bewegungslos auf den Straßen herum. Deren Lehm wird von der Hitze gebacken. Bettler kauern verzweifelt an jeder Straßenecke. Willkommen in ZwölfSeen, dem Heim der Einwohner unseres Stadtstaats, mit denen es das Leben nicht gerade rosig meint. Seeleute ohne Schiff, Arbeiter ohne Arbeit, Söldner ohne Schlachten, heruntergekommene Huren, zwielichtige Zuhälter, schonungslose Schläger, armselige Ausreißer und der

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