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Der große Fetisch

Der große Fetisch

Titel: Der große Fetisch
Autoren: L. Spraque de Camp
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1.
     
    Der Protokollführer rief: »Hört, hört! Die Sitzung des Bezirksgerichts von Skudra in der Kralschaft von Vizantia ist hiermit für heute, den fünfzehnten Tag des Monats Franklin im Jahre 1008 nach der Herabkunft, eröffnet. Wer dem ehrenwerten Gericht etwas vorzubringen hat, der trete näher.«
    Richter Kopitar kam herein, und der Protokollführer fügte hinzu: »Aufstehen und die Kopfbedeckungen abnehmen!«
    Von den Köpfen flogen die Schafspelzmützen, die die meisten der Zuschauer wegen der Morgenkälte aufgelassen hatten. Das schwache Torffeuer in dem Kupferofen richtete kaum etwas gegen diese Kälte aus. Muphrid (Eta Bootis) war noch nicht aufgegangen. Skudra war zwar nur ein paar Grad vom Äquator Kforris entfernt, war aber doch kühl, weil es hoch lag. Das Abnehmen der Kopfbedeckungen enthüllte Reihen breiter, geschorener Schädel, die, um der Milbenplage zu entgehen, mit nur je einem kleinen Zopf geschmückt waren. Kiefer bearbeiteten rhythmisch mahlend Kautabak.
    Der Richter sagte: »Protokollführer, sprechen Sie das Gebet!«
    Der stand auf und erhob seine Stimme: »Die Götter seien gepriesen! Mögen sie uns erhalten und beschützen, mögen sie uns unsere Schwächen vergeben. Gelobt sei die Heilige Dreieinigkeit Jes, Moham und Bud! Möge Justinn, der Gott des Rechtes, uns zu gerechten Urteilen verhelfen. Möge uns Kriegsgott Napoin Mut geben, damit wir unsere Pflichten erfüllen. Möge uns die Göttin der Liebe, Kliopat, Mitgefühl verleihen. Möge Niuto, der Gott der Weisheit, unser Verständnis vertiefen. Und möge Froit, der Schöpfer der Seelen, unseren Charakter stärken, damit wir uns für das Richtige entscheiden. O Götter, laßt uns der Weisheit der Alten teilhaftig werden, die ihr zur Zeit der Herabkunft aus eurem Paradies, der Erde, zu uns gesandt habt, damit sie uns das Wissen der Zivilisation bringen. Und möget ihr dieser Gerichtsverhandlung gewogen sein. Amen.«
    Der Protokollführer blickte auf und sagte: »Sie dürfen sich setzen. Sie dort! Die Pfeife ausmachen! Und auch nicht auf den Boden spucken! Die Würde des Gerichts darf nicht verletzt werden.«
    Der Richter sagte: »Guten Morgen, Mitbürger. Protokollführer, rufen Sie den ersten Fall auf.«
    Der Protokollführer sagte: »Der erste Fall ist der der Kralschaft gegen Marko Prokopiu aus Skudra, einundzwanzig Jahre alt. Er ist angeklagt, als Lehrer einer Knabenklasse der Volksschule Skudra vorsätzlich und widerrechtlich die falsche und ketzerische Lehre von dem Herabkommen, auch Anti-Evolution genannt, gelehrt zu haben, daß nämlich die Erde kein geistiger Ort sei, von dem unsere Seelen stammen und zu dem sie auch zurückkehren, sondern daß sie ein körperlicher Ort sei, eine Welt wie Kforri, und daß alle Menschen sich nicht unter der Führung der Götter aus den niederen Tieren Kforris entwickelt hätten, sondern zur Zeit der Herabkunft in einer Flugmaschine von der Erde gekommen seien. Außerdem ist der vorgenannte Marko Prokopiu angeklagt, diese falsche Lehre nicht nur verbreitet, sondern den wahren Glauben, die Lehre von der Evolution, wie sie von der Heiligen Vereinigten Kirche von Vizantia bezeugt wird und wie sie von den Geistlichen des Kral für offiziell erklärt wird, geleugnet und lächerlich gemacht zu haben. Bekennen Sie sich schuldig oder nicht schuldig, Marko Prokopiu?«
    Marko Prokopiu, das Pflegekind des verstorbenen Schmiedes Milan Prokopiu, stand auf. Da ein Jahr auf Kforri eineinhalb mal so lang wie ein Erdenjahr ist, wäre Marko, nach Erdzeit gemessen, zweiunddreißig gewesen. Er war etwas größer als der Durchschnitt, wirkte aber gedrungen, da er außergewöhnlich breit war. Sein Körperumfang fiel selbst auf Kforri auf, wo doch untersetzte Körper und dicke Beine die Regel waren. Die Schwerkraft des Planeten, ein Drittel größer als die der Mutter Erde, hatte in den etwa fünfzig Generationen seit der Herabkunft spindeldürre Beine und schwache Herzen ausgemerzt.
    Marko sah also mehr einem Schmied als einem kleinstädtischen Lehrer ähnlich, wobei ihn Leibesübungen nicht einmal sonderlich begeisterten. Sein Gesicht war eher etwas grobschlächtig. Die dünne, blonde Haarsträhne auf dem Kopf unterschied ihn von den dunklen Einheimischen von Vizantia.
    Obwohl die alten Prokopius nie sagten, wo sie sich Marko verschafft hatten, wurde in Skudra angenommen, er sei anglonischen oder eropischen Ursprungs. Die äußerst engstirnigen Bewohner von Skudra hatten Marko wegen seiner Herkunft aus der

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