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Der goldene Schwarm - Roman

Der goldene Schwarm - Roman

Titel: Der goldene Schwarm - Roman
Autoren: Knaus Verlag: Verlagsgruppe Random House GmbH
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in einem Türeingang. Er dreht sich um, schaut in beide Richtungen, bevor er die Fahrbahn überquert, und ist überaus aufmerksam, als er über die Straße eilt. Beinahe übersieht er es vollständig. Dort ist etwas, das sich so ruhig verhält, dass es nur schwer zu erkennen ist; seine Augen suchen Verbindungen und Bewegungen, wo es keine gibt. Aber dort, auf der schattigen Veranda einer mit Brettern vernagelten Bäckerei hat es den Anschein, als würde ihn jemand beobachten: eine vermummte Gestalt in einem Kleid oder schweren Mantel, die einen Schleier trägt, als würde sie trauern. Ein Imker oder eine Witwe oder ein großes dünnes Kind, das Gespenst spielt. Am wahrscheinlichsten ein alter Jutesack, der an einem Haken baumelt und das Auge täuscht.
    Einen Moment später wird er beinahe von einem grünen Kombi überfahren. Das wütende mütterliche Gesicht hinter der Scheibe funkelt ihn voller Abscheu dafür an, dass er auf der Welt ist, und der Beobachter – wenn denn überhaupt einer dort gewesen ist – verschwindet aus seinem Kopf.
    Mürrisch und nervös macht Joe an einem Eckladen halt, um herauszufinden, ob Ari ihm etwas Gift verkaufen wird, das er der Katze geben kann.
    Als Ari nach London gekommen war, hatte er seinen Laden Bhred nba’a genannt. Nach ausgiebigem Studium des englischen Fernsehens war er zu dem Schluss gekommen, dass die Londoner sowohl für Wortspiele als auch für kleine Eckläden einiges übrig haben, und dachte daher, dass eine Kombination aus beidem unweigerlich zu einem großen Erfolg führen müsse. Aus Bread and Butter wurde also Bhred nba’a , und obwohl die Londoner tatsächlich sowohl Wortspiele als auch bequemes Einkaufen lieben, stellte sich in kürzester Zeit heraus, dass sie wenig für Ladenbesitzer übrighaben, die sie offenbar zum Besten halten und dabei auch noch ausländisch aussehen. Der korrekte Gebrauch des Apostrophs, um einen Knacklaut auszudrücken, konnte dann auch nichts mehr retten.
    Ari lernte schnell und überstrich das anstößige Schild. Joe hat nicht die geringste Ahnung, ob er tatsächlich Ari heißt, oder auch nur so ähnlich, oder ob er lediglich einen Laut gewählt hat, der auf bequeme Weise ausländisch und doch englisch klingt und der die Ureinwohner nicht durch Komplexität oder eine fragwürdige Herkunft erschreckt.
    Es ist wohl keine Überraschung, aber Ari hat in Sachen Gift Bedenken. Ari hält Katzen für eine der Lektionen auf der Reise durchs Leben. Katzen, erklärt er, seien göttliche Botschafter der Geduld. Joe, dem nach einem missglückten Ausweichversuch vor zwei Wochen noch immer die Schulter brennt, behauptet dagegen, sie seien satanische Botschafter der Zwietracht und des Wundschmerzes. Ari meint, das sei durchaus möglich, durch das Wirken der unbeschreiblichen Gottheit seien sie jedoch auch als satanische Botschafter von Zwietracht und Wundschmerz zugleich vom kosmischen All entsandte Lehrmeister.
    »Sie stellen«, sagt Ari und umklammert seine morgendliche Lieferung Biomilch, von der bereits einiges aus dem Plastikbehälter tropft, »eine Gelegenheit dar, sich zu bilden.«
    »In Erster Hilfe und Krankenpflege«, brummt Joe.
    »Und in weitaus spirituelleren Belangen. Das Universum erteilt uns Lektionen über Gott, Joseph.«
    »Nicht durch die Katzen. Zumindest nicht durch diese Katze.«
    »In allem verbirgt sich eine Lektion.«
    Dies kommt einer Aussage von Grandpa Spork derartig nahe, dass sich Joe, selbst nach einer schlaflosen Nacht und einem schlimmen Katzenmorgen, beim Nicken ertappt.
    »Danke, Ari.«
    »Gern geschehen.«
    »Ich möchte immer noch Katzengift.«
    »Gut! Dann haben wir einander viel zu lehren!«
    »Wiedersehen, Ari.«
    » Au revoir , Joseph.«

II
    Zwei Gentlemen aus Edinburgh;
Das Buch der Hakote;
Ein Freund in Not
    E r hat fast seine Haustür erreicht, als er das Rufen hört. Es ist ein keuchender, asthmatischer Laut, eher ein Nach-Luft-Schnappen, aber dennoch durchschneidet er die Stille der Quoyle Street. Tauben huschen nervös in der Gasse umher.
    »Hallo? Mr Spork?«
    Joe dreht sich um und erblickt etwas, das selten ist und kurios: einen dicken Mann, der rennt.
    »Mr Spork?«
    Er rennt wirklich. Er ist nicht schnell – auch wenn er, wie so viele dicke Männer, leichtfüßig ist –, aber er verfügt über einen bemerkenswerten Schwung und kraftvolle Schenkel, und er trottet, galoppiert oder joggt auch nicht, sondern rennt tatsächlich. Von dieser Entfernung aus erinnert er Joe an den Vater seiner Mutter, den

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