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Der Gesang von Liebe und Hass

Titel: Der Gesang von Liebe und Hass
Autoren: Cordes Alexandra + Horbach Michael
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    1.
    Sie kamen den Hang herauf, keuchend unter der Last ihres Gepäcks und ihrer Waffen. Nun waren sie aus dem Schatten des Waldes heraus, und die Sonne brannte ihnen den Schädel aus.
    Die beiden jungen Burschen, die das wassergekühlte Maschinengewehr trugen, ein Relikt aus dem Ersten Weltkrieg, warfen sich im Schatten eines Felsens hin, der wie ein Bunker den Hügel überragte.
    »Los, weiter, arriba!« befahl Paul Brenski und trat gegen den Lauf des MGs.
    »Nur eine Minute, Camarada Brenski«, sagte der kleinere der beiden und blickte ihn aus Augen an wie ein Hund, der um Wasser bettelt.
    »Los, auf. Wenn wir den Hain erreicht haben, mit dem Bach, dann habt ihr alle Zeit der Welt, euch auszuruhen.«
    Der Soldat seufzte tief. Sie nannten ihn Juanito. Ob er wirklich so hieß, wußte niemand. Juanito hakte die Feldflasche vom Koppel, trank gluckernd, wischte sich dann die Lippen ab, drehte die leere Flasche, daß noch ein paar Tropfen seine Stirn netzten, und schaute zum Himmel hoch.
    Blau und unendlich weit schien der Himmel dieses Aprils, ohne Ende, ohne Horizont. Die Wolken waren so fern, als könnten sie niemals Wasser für die dürstende Erde geben. Der Himmel erinnerte Paul Brenski an seine märkische Heimat, und er wurde traurig, wenn er daran dachte. Um so heftiger befahl er jetzt: »Auf, marsch!«
    Die anderen Soldaten des Kommandotrupps, die sich ebenfalls in den Schatten des Felsens geworfen hatten, der wie ein Bunker aussah, erhoben sich. Die Müdigkeit, die Hitze, der Durst und der Hunger hatten tiefe Kerben in die Gesichter der Männer geschnitten. Alle sahen Brenski erwartungsvoll an. So war es immer. Sie handelten nur auf Befehl. Eine eigene Initiative konnten sie nicht entwickeln, und das war auch kein Wunder bei dem, was die russischen Instrukteure ihnen beigebracht hatten.
    »Wir kriechen einzeln über den freien Hang zu dem Hain hin. Es sind nur zweihundert Meter. Reibt die Läufe eurer Gewehre mit Erde ein, damit man vom Kloster aus das Metall nicht blinken sieht. Erst wenn der erste von euch im Hain angelangt ist, folgt der nächste.«
    Brenski hatte dreißig Mann, alle ausgesuchte Einzelkämpfer, unter seinem Kommando, die Hälfte Spanier und die andere Hälfte Legionäre der Internationalen Brigade, Amerikaner und Engländer. Er war der einzige Deutsche.
    »Let's go, Sergeant«, sagte McKenzie zu ihm, den sie ›Bull‹ nannten; er konnte es nicht ertragen, unter dem Kommando eines anderen zu kämpfen, denn er war auch Sergeant, aber so hatte es der Kommandeur nun einmal befohlen.
    »We go«, erwiderte Paul.
    »Now«, sagte Bull.
    »Take it easy.«
    Bull wies nach oben. Schwarze Punkte kreisten da am Himmel. »Die Geier sind schon gekommen.«
    »Mit Flugzeugen müssen wir immer rechnen.« Brenski schlitzte die Augen gegen das grelle Licht, und er konnte die Bauart der Maschinen erkennen. Es waren deutsche, von der Legion Condor. Wenn es spanische gewesen wären, hätte er sich keine Sorgen gemacht, aber so mußte er sehen, daß er mit seinen Leuten noch schneller über die freie Pläne kam.
    »Los! Juanito und Carlos mit dem MG als erste! Und bringt mir das MG sofort in Stellung, damit ihr uns Feuerschutz geben könnt, wenn etwas schiefgeht.«
    »Ich bin müde«, sagte Carlos einfach.
    Brenski nickte. »Das sind wir alle. Aber warte nur, wie munter du sein wirst, wenn wir erst im Kloster Santa Maria de la Sierra sind. Das ist ein Kloster für Novizinnen, verstehst du, für ganz junge Nonnen. Und jede einzelne von ihnen ist garantiert noch Jungfrau.«
    Die anderen lachten, aber Carlos sah ihn nur mit bösen Augen an, diesen schwarzgrün schillernden Augen eines Zigeuners. Er packte das MG am vorderen Haltegriff, Juanito hob das MG hinten an, sie gingen bis zur Ecke des Felsens, dann glitten sie nieder und waren im hohen Gras verschwunden. Das konnten sie, wenn sie wollten. Sie konnten hungern und kämpfen und siegen, wenn sie nur wollten. Aber Brenski glaubte allmählich nicht mehr daran, daß sie siegen wollten.
    Er beobachtete sie durch das Fernglas, wie sie langsam, Schlangen gleich, die aus dem Winterschlaf erwachen, den Hang hinunterglitten. Nach fünf Minuten waren sie in dem Korkeichenhain, der ihre Ausgangsstellung für den Sturm auf das Kloster auf dem Berg sein sollte.
    Brenski schlug Bull auf die Schulter. »Let's go.«
    Bull grinste, ging zur Ecke des Felsens. »Sieht mir so aus, als ob die ihre Spitzenhöschen gewaschen und zum Trocknen aufgehängt hätten«, sagte er, als er

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