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Der geheime Auftrag des Jona von Judaea

Titel: Der geheime Auftrag des Jona von Judaea
Autoren: Rainer M. Schroeder
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1
    T yrus! Jona stockte der Atem, als der Name der phönizischen Hafenstadt fiel, und ein Schauer lief ihm über Rücken und Arme. Er hatte nur Bruchstücke des Satzes mitbekommen, aber Tyrus aus dem Mund von Berechja erwähnt zu hören, reichte ihm als Beweis für den geplanten Verrat!
    Jona ben 1 Joram hatte den leeren Wasserkrug abgestellt und kauerte hinter mannshoch aufgestapelten Salzsäcken im tiefen Schatten der Säulenhalle, die den großen Innenhof der Karawanserei des Akiba ben Nahum auf allen vier Seiten umgab. Diese umlaufende Säulengalerie, hinter der die hohen Gewölbe mit den Stallungen für Kamele, Ochsen, Maulesel und andere Tiere lagen, wurde nur vom Tor in der hohen Westmauer des mächtigen, quadratischen Gevierts unterbrochen sowie von der offenen Steintreppe auf der Ostseite, über die man vom Innenhof zu den Quartieren der Reisenden im Obergeschoss gelangte.
    Auf der anderen Seite der aufgetürmten Säcke, die mit bestem Steinsalz vom Berg Sodom am Südende des Toten Meers gefüllt und für einen Händler in Jerusalem bestimmt waren, standen der mehrfache Gutsbesitzer Berechja und seine rechte Hand, der oberste Aufseher Eljakim. Durch einen Spalt von gut halber Handbreite zwischen den Säcken hatte Jona die beiden Männer zumeist gut im Blick, sowohl das runde, feiste Gesicht Berechjas, der auch dann ein trügerisches Lächeln zur Schau stellte, wenn es gar nichts zu lächeln gab, als auch das hagere, knochige Gesicht von Eljakim, den kaum jemand einmal lächeln gesehen hatte.
    Jona wusste sofort, was der Name Tyrus für ihn und all die anderen Unglücklichen bedeutete, die sich in ihrem Elend dem Gutsbesitzer hatten ausliefern müssen. Und ihm war, als legte sich eine würgende Schlinge um seine Kehle. Berechja, sein williger Oberaufseher Eljakim und dessen Handlanger Michaja, Henoch, Korach und Bedan wollten mit ihnen nicht nach Sepphoris in Galiläa, damit sie dort auf einem angeblich neu erworbenen Landgut ihre Verpflichtung als Feldarbeiter erfüllten, wie man ihnen vorgelogen hatte, sondern das heidnische Tyrus, viel weiter im Norden an der Küste von Phönizien, war das wahre Ziel ihrer Reise!
    Was ihn tagelang als dunkle Ahnung gequält hatte, war nun erschreckende Gewissheit geworden. Der Gutsbesitzer Berechja aus Marescha, an den sein Vater sich und ihn, Jona, vor bald sechs Jahren hatte verkaufen müssen, um der drückenden Not zu entfliehen und wegen seiner Schulden nicht in Schuldhaft genommen zu werden, wollte sie auf dem berüchtigten Sklavenmarkt von Tyrus verkaufen!
    Jona presste seinen Kopf tiefer in den Spalt, um noch mehr von dem Gespräch zwischen den beiden Männern mitzubekommen, die über sein Leben und Schicksal so leichtfertig und skrupellos verfügten wie ruchlose Straßenräuber. Vergessen war, dass er sich in den Hof hinuntergeschlichen hatte, weil ihn der Durst quälte und er den Steinkrug am Brunnen hatte auffüllen wollen.
    Obwohl ihn kaum mehr als zwei Armlängen von ihnen trennten, hatte er jedoch allergrößte Mühe, von ihrem Wortwechsel mehr als nur einige Satzfetzen aufzuschnappen. Die Karawanserei des bulligen Akiba ben Nahum war an diesem frühen Sommerabend am Ende des Monats Siwan 2 schon recht gut belegt, und dementsprechend vielfältig und laut fiel auch der Lärm aus, den Tiere, Reisende und Akibas Bedienstete im Innenhof sowie oben auf dem überdachten, umlaufenden Gang des Obergeschosses verursachten. Aber der eine oder andere Halbsatz drang doch an seine angestrengt lauschenden Ohren.
    Eljakim, der kein Mann der leisen Töne war, sondern als Oberaufseher mit lauter und scharfer Stimme zu sprechen gewohnt war, hörte Jona dabei am deutlichsten heraus. Gerade sagte er zu Berechja: »... dieser vermögende Kaufmann aus Gaza... noch einmal mit ihm gesprochen... sehr interessiert... sein Angebot... hundert Drachmen 3 für jeden tüchtigen Mann... nimmt auch die Frauen... er bietet... und die fünf Kinder... für sie immerhin noch vierzig Drachmen pro Kopf...«
    Die Erwiderung des Gutsbesitzers klang barsch und empört, als hätte Eljakim ihm einen völlig abwegigen Vorschlag unterbreitet. Doch für Jona verständlich waren nur die schroffen Worte: »... in Tyrus gut das Doppelte!«
    Eljakims sofortigen Einwand hörte Jona dafür umso deutlicher. Denn in diesem Moment kam vom Tor her ein scharfer Ruf, worauf das allgemeine Stimmengewirr für einige Sekunden so gut wie erstarb. Fast alle Augen richteten sich erwartungsvoll auf das Tor und die beiden

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