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Der geduldige Tod (German Edition)

Der geduldige Tod (German Edition)

Titel: Der geduldige Tod (German Edition)
Autoren: Helke Böttger
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Prolog
     
     
    Der Tod wartete im Schatten. Er lauerte hinter einem Mauervorsprung zwischen einer Mülltonne und einer Häuserwand. Geduldig schmiegte er sich in der kleinen, ruhigen Straße an die kalte Mauer, als wolle er mit ihr verschmelzen. Sein Mantel war schwarz wie der schimmelige Putz des verfallenen Hauseingangs in seinem Rücken, seine Haut in der Dunkelheit grau wie das Papier der zerfetzten Zeitung, die reglos zwischen seinen Schuhen lag. Niemand störte ihn in seinem Versteck. Wenn die Nacht hereinbrach, leerten sich die Straßen der Vororte. Die Familien versammelten sich am Abendbrottisch, setzten sich vor den Fernseher und verfolgten in den Nachrichten die Grauen des Tages, um später gesättigt und zufrieden mit ihrem Dasein ins Bett zu gehen. In diesen Stunden gehörten die Straßen dem Tod und seiner Jagd.
    Seine Hand nestelte an den Knöpfen des Mantels, wieder und wieder, wie ein Automat ohne Steuerung. Sein Mund war zu einem Lächeln verzerrt in Erwartung, seinem großen Ziel heute ein Stück näher zu kommen. Er konnte sie bereits hören. Die Schritte einer Frau, die ahnungslos die Gasse hinunterlief und auf den Parkplatz zusteuerte. Er hatte sie schon oft gesehen, wie sie nach der Chorprobe vergnügt und leise summend zu ihrem Auto lief, immer an der Nische in der Wand vorbei, in die kein Lichtstrahl aus den flackernden Straßenlaternen dringen wollte und in der er unbeweglich stand. Woche für Woche. Er suchte nicht das zufällige Opfer, es würde ihm nicht das bringen, was er brauchte. Seine Jagd diente einem bestimmten Zweck, einem höheren Ziel. Und dafür benötigte er Zeit mit seiner Auserwählten. Zeit, um zu sehen, wie sie sich verhielt, wie ihre Augen funkelten, ihre Lippen sich schürzten, ihre Glieder sich bewegten. Wochenlang war er durch die Straßen gelaufen, bis er eine Frau entdeckte, die ihm genau das bieten konnte, was er suchte. Und dann hatte er sie nicht mehr aus den Augen gelassen, bis er jeden ihrer Schritte kannte. Er wusste, wo und wann sie einkaufte, wen sie zum Kaffee traf, bei welchem Schuster sie ihre Schuhe reparieren ließ, welche Tampons sie benutzte. Er hatte sie schon angelächelt, und sie hatte zurückgelächelt, ohne dass sie ahnte, soeben dem Tod ins Auge geblickt zu haben. »Die Sängerin« nannte er sie. Ihr richtiger Name interessierte ihn nicht, er war nur ein seelenloser Begriff, der nichts bedeutete. Sie probte jeden Montag mit dem Kirchenchor in der Altstadt. Und jeden Montag lief sie danach die abgelegene, dunkle Straße hinunter zu dem kleinen Parkplatz. Allein. Sie war die Letzte, die das Gebäude neben der majestätischen, düsteren Kirche verließ, weil sie noch beim Aufräumen half. Noten wegtrug, das Klavier beiseiteschob. Die anderen waren längst auf ihrem Weg nach Hause, in ihren Autos oder auf ihren Fahrrädern, wenn sie die Tür hinter sich schloss und einsam die Gasse hinunterschritt. Die Stille der Nacht vertrieb sie mit dem gleichmäßigen Klang ihrer Schritte und mit ihrem Summen. Sie hatte eine schöne Stimme, glockenhell und klar, doch es war nicht ihre Stimme, die er von ihr wollte. Er sah auf ihre Hände, wie sie in der Tasche kramten und nach dem Autoschlüssel suchten. Sie waren schlank und schmal, wie die eines Engels. Ein goldener Ring blitzte am Ringfinger ihrer rechten Hand. Ihr Ehemann wartete zu Hause auf sie, während er im Fernsehen gelangweilt die Montagsserien verfolgte. Heute würde er vergeblich warten. Sie würde nicht heimkehren. Nie wieder.
    Sie war an ihm vorübergegangen, er konnte ihren Duft wahrnehmen. Sie roch nach Zitrone und Vanille, herb und lieblich zugleich. Ihr Parfüm kaufte sie im Internet, wie auch ihre Unterwäsche und bestimmte Cremes. Aber ihre Hände würden nie wieder die vertraute Creme auf der Haut verteilen. Er hatte etwas Besseres für sie vorgesehen.
    Er konnte hören, wie sie um die Ecke bog. Ihre Schritte wurden dumpfer und entfernten sich immer weiter. Jetzt blieben ihm nur noch 117 Sekunden, bevor sie an ihrem Auto ankommen und einsteigen würde.
    Geschmeidig löste er sich aus dem dunklen Hauseingang und lief nahezu lautlos die Straße hinunter, um ihr zu folgen. Niemand sah ihn, niemand hörte ihn. Die Altstadt lag wie ausgestorben im Abendschein. Wenig später hatte er die Ecke erreicht. Er konnte sehen, wie sie sich dem Eingang des Parkplatzes näherte. Noch 72 Sekunden.
    Jetzt passierte sie die Hecke mit den Koniferen. Sie konnte ihn nicht bemerken, selbst wenn sie sich

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