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Der Funke des Chronos

Titel: Der Funke des Chronos
Autoren: Thomas Finn
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Menetekel
     
    Hamburg 1842, Nacht des 2. Mai,
    4 Minuten nach Mitternacht
     
    D ie Knochen splitterten wie brüchiges Glas, als die Droschke über den Katzenkadaver rollte. Soeben läutete das Uhrwerk der Michaeliskirche zur zwölften Nachtstunde. Mit dem zweiten Glockenschlag wurde der ausgedörrte Tierleib emporgewirbelt und landete auf dem schmalen Trottoir der Admiralitätsstraße, die bis hinunter zum Schaarthor mit Abfällen übersät war.
    Seit Tagen schon lastete auf Hamburg eine für die Jahreszeit ungewöhnliche Hitze. Die Wärme hatte den Dreck auf den Wegen längst zu einem staubigen Gemenge gebacken. Doch noch immer wurden die Gassen, Gänge und Twieten von jenem fauligen Geruch durchweht, der für die Hafenstadt so bezeichnend war. Denn auch die Fleete und Kanäle, die die Elbmetropole wie Adern durchzogen – und von den Einwohnern Hamburgs so gern zur Entsorgung ihres Unrates genutzt wurden –, hatten sich durch die Sonne erhitzt.
    Polizeiaktuar Kettenburg war froh, dem Gestank der Gosse nicht unmittelbar ausgesetzt zu sein. Doch auch im Innenraum des Zweispänners war es unerträglich stickig. Er gestattete es sich, den steifen Kragen seiner Uniformjacke aufzuknöpfen, und lüpfte anschließend ein Taschentuch aus feiner Brüsseler Spitze, um sich den Schweiß von der Stirn zu tupfen. Wie die meisten Bürger der Freien Reichsstadt hatte er darauf gehofft, dass sich die Luft in der Nacht abkühlen würde. Doch die schwache Brise, die mit Anbruch der Dämmerung vom Hafen her eingesetzt hatte, schien den Kesseln der Dampfschiffe entstiegen zu sein, so warm fühlte sie sich an.
    Von dem Tierkadaver, der in diesem Augenblick unter den Rädern der Droschke zermahlen wurde, ahnte Kettenburg nichts. Der Polizeiaktuar hätte sich auch nicht weiter darum gekümmert. Seine Aufmerksamkeit galt von Amts wegen einer ganz anderen Leiche, einer menschlichen nämlich. Nachtwächter hatten sie eine Stunde zuvor im Labyrinth der Gassen nahe dem Binnenhafen entdeckt, im Südwesten der Stadt. Eigentlich hasste er es, zu solch später Stunde geweckt zu werden. Doch Hamburg wurde in diesen Tagen von einer Mordserie heimgesucht, die in der Geschichte der Stadt beispiellos war. Sieben Tote galt es bislang zu beklagen: einen Mann und sechs Frauen. Zumindest soweit man wusste.
    Vier der Leichen waren vor drei Wochen auf einem Schindanger vor den Wällen des Hornwerks entdeckt worden. Zwei weitere hatten Gassenjungen im Keller einer Hausruine am Brauerknechtgraben aufgespürt – mitten im Kirchspiel Michaelis, dem Stadtteil um die St. Michaeliskirche herum. Und die letzte war vor drei Tagen bei der Elbwasserkunst nahe der Albertusschanze angespült worden. Ausgerechnet dort, wo man sich bemühte, frisches Trinkwasser für die Stadt zu gewinnen.
    Dass alle sieben einem einzigen Täter zum Opfer gefallen waren, hatte man leicht feststellen können. Allesamt waren sie auf die gleiche bestialische Weise umgebracht worden. Kettenburg presste die Lippen aufeinander, als er an den Anblick der Toten zurückdachte. Sicher würde ihm auch der neue Fund den Schlaf rauben.
    Erwischt hatte es vor allem die Untersten in der städtischen Hierarchie: Gassennymphen und Buhlschwestern, wie die Huren Hamburgs genannt wurden. Mit anderen Worten: niemanden, dem die Pfeffersäcke im Senat auch nur eine Träne nachweinten. Sicher hätte man der Mordserie bis heute nicht die Beachtung gezollt, die ihr zustand, wäre da nicht der Tote vor der Elbwasserkunst gewesen. Er war nicht nur die einzige männliche Leiche, die sie gefunden hatten, er unterschied sich von den anderen Opfern auch durch seinen Stand. Man hatte einen gewissen Otto Benneke in ihm erkannt, den Neffen einer der Erbgesessenen in der Hamburger Bürgerschaft. Erst durch ihn also war die Mordserie zum Politikum geworden.
    Drei Tage bevor Benneke angespült worden war, hatte man den jungen Mann als vermisst gemeldet. Offenbar war er seinem Mörder bei einem nächtlichen Saufgelage auf dem Hamburger Berg, dem berüchtigten Vergnügungsviertel im neuen Stadtteil St. Pauli, in die Hände gelaufen.
    Kettenburg war daraufhin von Polizeisenator Binder höchstpersönlich beauftragt worden, den Fall aufzuklären – und zwar bevor sich die Morde in der Stadt herumsprechen konnten. Und, wie der Polizeiaktuar nur zu gut wusste, obwohl es nicht ausdrücklich gesagt worden war: bevor jemand die Frage stellen konnte, warum erst jetzt mit Nachdruck ermittelt wurde.
    Hinzu kam die mögliche

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