Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Elbenschlaechter

Der Elbenschlaechter

Titel: Der Elbenschlaechter
Autoren: Jens Lossau , Jens Schumacher
Ads
Prolog
     
     
    Statt Ekstase kam Zerstörung.
    Seit mehr als einer Stunde beobachtete Waiko schon die Yrithisfalter, die um die einzige Gaslaterne an der brüchigen, mit verfaultem braunem Moos überzogenen Hausfassade schwirrten und die Luft mit dem leisen Summen ihrer zerbrechlichen Flügel schwängerten. Die Laterne sonderte einen gelblich grünen Schimmer ab, den der wallende Nebel sofort verschluckte. Waiko hatte sich die Zeit damit vertrieben, die dunkelblauen Nachtfalter zu zählen, aber es waren bald zu viele geworden, und sie flatterten zu hektisch, so dass er die Übersicht verloren hatte. Er ließ seinen Blick über das feuchte Kopfsteinpflaster gleiten. Am Straßenrand lag eine tote Ratte von der Größe eines jungen Ferkels, daneben zerbrochene grüne Flaschen und schmieriger Unrat, dessen Ursprung nicht mehr zu erkennen war.
    Der Nebel fraß nicht nur das gelblich grüne Licht, jenes ungesunde Leuchten, das an tote Orkhaut erinnerte, die man ihrem Besitzer schon vor langer Zeit abgezogen hatte; der wallende weiße Dunst fraß auch die Geräusche.
    Normalerweise herrschte zu dieser nächtlichen Stunde in Foggats Pfuhl klammheimliche, für Eingeweihte jedoch deutlich spürbare Unruhe. Versteckte Bewegungen überall, die Ahnung illegaler Geschäfte, zwielichtiger Dienstleistungen, Schatten in den Schatten.
    Nicht so in dieser dumpfen Nacht. Keine Droschken, keine Vulwoogs, keine Passanten. Keine Kunden! Nur die dunkelblauen Yrithisfalter. Waiko, dessen spitze Elbenohren das Einzige an ihm waren, das seiner Zugehörigkeit zu jener einstmals edlen Rasse noch Tribut zollte, konnte hören, wenn die Flügel der Nachtinsekten an das Glas der Laterne schlugen, in der die Gasflamme flackerte.
    Keine verlorenen Seelen auf der Suche nach nächtlichem Trost.
    »Verfluchte Kälte, bei Yremio!« Waiko zog die Nase hoch und rieb die Hände aneinander.
    Das Viertel, seit Jahrhunderten im allgemeinen Sprachgebrauch als der Pfuhl bekannt, war das dunkelste und schmutzigste von ganz Nophelet, der »Sternförmigen«. Waiko hatte sich mit diesem Bild nie anfreunden können; in seinen Augen ähnelte die Hauptstadt Sdooms eher einem gewaltigen, unförmigen Kraken mit etlichen Armen. Und einer dieser Arme, weit in den Süden hinabreichend, war Foggats Pfuhl.
    Im Grunde handelte es sich um kaum mehr als eine einzige lange Straße. Hunderte Schenken, Bordelle und ähnliche Etablissements, dazu ungezählte Seitengässchen, in denen sich Schatten mit Schatten paarten und niemand sah, wenn schwarzes Blut in den Rinnstein floss, bildeten ein niemals schlafendes Biotop für Vergnügungssüchtige, Zuhälter, Betrüger und Halsabschneider. Hier trafen sie sich zum Hehlen, Huren, Schachern, Stehlen und Töten, ein Zustand nächtlicher Anarchie, der von der Obrigkeit stillschweigend ignoriert wurde. Und warum hätte man auch etwas dagegen unternehmen sollen? Wer so dumm, unvorsichtig oder waghalsig war, seinen Fuß in dieses Viertel zu setzen, der wusste genau, worauf er sich einließ, wusste, dass in den unzähligen, winzigen Nebengässchen der breiten Hauptstraße, dem eigentlichen Pfuhl, der Abgrund und die Verwerflichkeit regierten.
    Und der Tod.
    Der Tod hatte hier viele hässliche Gesichter. Besonders in letzter Zeit war er kreativ und brutal. Das wusste Waiko. Er betrachtete die Yrithisfalter in der fast vollkommenen Stille. Vergeblich versuchte er, seine besorgten Gedanken zu unterdrücken, die immer wieder zu den schrecklichen Geschehnissen der letzten beiden Zenite zurückkehrten, und Angst breitete sich in ihm aus, erzeugte einen bitteren Geschmack nach Mandelöl auf seiner Zunge. Angst war ein Geschwür, das nicht einmal die besten Thaumaturgen Nophelets zu heilen verstanden.
    Natürlich wusste er um das Schicksal der vier. Jeder Lustknabe im Pfuhl wusste davon. Waiko hatte keines der Opfer persönlich gekannt, aber das machte die Angelegenheit nicht weniger real. Im Gegenteil! Er wusste, was es hieß, um diese Zeit unter einer Gaslaterne an einem leer stehenden, seines baldigen Zusammensturzes harrenden Haus zu stehen und auf Freier zu warten. Er kannte die Hoffnung, die Nacht um ein paar Kaunaps reicher hinter sich zu lassen, nachdem er im Gegenzug die Lust zahlungswilliger Besucher durch seine flinken Finger hatte gleiten lassen, bis die Schattengestalten ächzten vor Ekstase.
    Unzählige Nächte hatte er damit zugebracht. Normalerweise dachte er nicht darüber nach. Er hütete sich davor zu reflektieren. Anfangs – vor

Weitere Kostenlose Bücher

Bleib bei mir, Greg
Bleib bei mir, Greg von Annette Broadrick
Mobbing
Mobbing von Christian Stock