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Der einzige Ausweg: Ein Barcelona-Krimi (suhrkamp taschenbuch) (German Edition)

Der einzige Ausweg: Ein Barcelona-Krimi (suhrkamp taschenbuch) (German Edition)

Titel: Der einzige Ausweg: Ein Barcelona-Krimi (suhrkamp taschenbuch) (German Edition)
Autoren: Antonio Hill
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Eine ganz normale Familie
    Lola Martínez Rueda   /   Die Stimme der Anderen
    Donnerstag, 9. September 2010
    »Sie waren ein richtig nettes Paar«, sagen die Nachbarn. »Ihn habe ich nicht so oft gesehen, aber er war immer sehr höflich und hat freundlich gegrüßt. Sie war etwas distanzierter … Nur ihre Tochter, die hat sie nie aus den Augen gelassen, nicht eine Minute.« »Ein reizendes kleines Mädchen«, bemerkt die Besitzerin eines Cafés ganz in der Nähe der Wohnung, im Viertel El Clot von Barcelona. Noch vor wenigen Tagen hat Gaspar Ródenas dort mit seiner Frau Susana und der vierzehn Monate alten Alba gefrühstückt. »Sie kamen oft am Wochenende«, fügt sie hinzu. Und ohne dass ich sie gefragt hätte, erzählt sie, was sie üblicherweise bestellten – er einen Espresso, sie einen Milchkaffee – und wie drollig das Mädchen gewesen sei. Kleinigkeiten am Rande, gewiss, belanglose Details, die uns heute, angesichts des Geschehenen, irritieren.
    Denn am frühen Morgen des 5. September, während seine Frau noch schlief, erhob sich dieser »schüchterne, aber liebenswürdige« Vater aus dem Ehebett, trat ins Zimmer seiner Tochter, legte ihr ein Kissen auf das Gesicht und drückte mit aller Kraft zu. Wir wissen nicht, ob Susana aufwachte, geweckt vielleicht von jenem sechsten Sinn, der seit Urzeiten den Schlaf der Mütter begleitet. Jedenfalls wollte Gaspar Ródenas, dieser »so höfliche« Ehemann, auch sie nicht am Leben lassen. Sie starb kurz darauf, an einem Schuss ins Herz. Und wie es sich für einen machistischen Mörder gehört, erschoss Gaspar sich danach selbst.
    Die Namen von Susana und ihrer Tochter verlängern die Liste der Frauen, die Männern zum Opfer fielen, Menschen, die sie eigentlich lieben, respektieren und, wenn wir an das kleine Mädchen denken, beschützen sollten. Vierundvierzig Frauen wurden im Laufe dieses Jahres bereits von ihren Partnern umgebracht. Jetzt sind es fünfundvierzig, auf makabre Weise gekrönt vom Tod eines Kleinkinds. Vielleicht passt der Fall nicht in das Muster, das uns mittlerweile so geläufig ist: Trennung oder Scheidung, häusliche Gewalt. Gaspar Ródenas war, Ironie des Schicksals, kein gewalttätiger Mann.
    So können die Behörden endlich einmal glaubhaft versichern, nichts habe darauf hingedeutet, dass Susana und Alba in Gefahr waren. Aber das macht ihren Tod nur umso schrecklicher. Denn wir Frauen, viele von uns, wissen längst, dass es Mittel und Wege gibt, uns zu wehren gegen gewalttätige Machos, die denken, sie hätten das Recht, über unser Leben und unseren Tod zu bestimmen. Gegen Typen, die uns verachten, anbrüllen und schlagen. Nur gegen diesen heimlichen Groll, der sich im Stillen ansammelt, diesen stummen Hass, der eines Nachts explodiert und alles hinwegfegt, gegen den können wir uns nicht schützen.
    Es gibt ein Foto von den dreien, aufgenommen wenige Wochen zuvor an einem Strand von Menorca. Darauf ist Alba zu sehen, wie sie mit einer roten Schaufel im Sand sitzt, auf dem Kopf ein weißes Mützchen zum Schutz vor der Augustsonne. Dahinter, auf Knien, Susana. Sie lächelt glücklich in die Kamera. Neben ihr, den Arm um sie gelegt, ihr Mann. Wenn man ihn so sieht, ganz entspannt, die Augen im Sonnenlicht leicht zusammengekniffen, scheint es unvorstellbar, dass Gaspar Ródenas kaum einen Monat später mit denselben Händen, die Susana sanft umfassen, die beiden töten sollte.
    Warum hat dieser zweiunddreißigjährige Mann, fest angestellt bei einem bekannten Kosmetikunternehmen, ohne nennenswerte finanzielle Belastungen und ohne jede Vorgeschichte, warum hat er zwei Morde begangen, Taten, die sich dem Verstand entziehen? Wann kam es ihm in den Sinn, dem Leben seiner Frau und seiner Tochter ein Ende zu setzen? In welchem Moment überkam ihn der Wahn und verzerrte die tägliche Wirklichkeit, bis er davon überzeugt war, der Tod sei der einzige Ausweg?
    Auch wenn sie selber nicht mehr glauben können, was sie hartnäckig behaupten, ist die Antwort der Angehörigen, Freunde und Kollegen immer die gleiche: Gaspar, Susana und Alba waren eine ganz normale Familie.

HÉCTOR

1
    Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten schaut Inspektor Héctor Salgado sich plötzlich um, fest davon überzeugt, dass ihm jemand folgt. Aber er sieht nur namenlose und gleichgültige Gesichter, Menschen, die wie er durch das Gedränge an der Gran Vía gehen und ab und zu vor einem der traditionellen Stände mit Spielzeug und Süßigkeiten stehen bleiben. Es ist der Abend

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