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Der Colibri-Effekt

Der Colibri-Effekt

Titel: Der Colibri-Effekt
Autoren: Helmut Vorndran
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Headhunter
    Es war
Freitagmorgen und der letzte Arbeitstag für diese Woche. Lagerfeld öffnete die
Tür zur Dienststelle in einem eher unkonzentrierten Zustand. Er war zwei
Stunden zu früh auf seiner Arbeit erschienen und gedanklich mit gänzlich anderen
Dingen beschäftigt als mit Verbrechensaufklärung oder sonstiger Polizeiarbeit.
Der junge Kommissar, dessen Outfit mit überdimensionierter Sonnenbrille und
Pferdeschwanz ihm seinen Kosenamen eingebracht hatte, kämpfte sowohl mit seinen
Gefühlen als auch mit seiner eigentlich gefestigten Weltordnung. Das bisher so
wohlsortierte Dasein Bernd Schmitts war einigermaßen aus den Fugen geraten. Aus
seiner Sicht war er daran vollkommen schuldlos, aber vor allem war die
Situation, in der er sich befand, auch vollkommen unnötig. Die Leichtigkeit
seines Seins war innerhalb einer Woche zum Teufel gegangen, und das brachte ihn
langsam, aber sicher in Rage. Er wandelte doch wirklich nicht auf diesem
Erdenrund umher, um sich nerven zu lassen. Nein, dieses allzu kurze Leben war
doch eigentlich dazu da, um möglichst kurzweilig und lustvoll verbracht zu
werden, war es nicht so? Aber traten Vertreter des anderen Geschlechtes ins
Leben, so war das anscheinend ein Ding der Unmöglichkeit.
    Sein
Vorgesetzter und väterlicher Kollege Franz Haderlein schaute erst erstaunt von
seinen Unterlagen hoch, dann ungläubig auf seine Armbanduhr. Lagerfeld zu früh
am Arbeitsplatz, was war denn da passiert? Als er in das übernächtigte Gesicht
des Kollegen blickte und der dunklen Ringe unter den Augen gewahr wurde,
drängte sich ihm der Gedanke auf, dass sein frühes Erscheinen womöglich nicht
zu einhundert Prozent auf dessen freiwilliges Handeln zurückzuführen war. Was
da eben durch die Tür kam, ähnelte einem derangierten Kriminalkommissar, der von
oben bis unten mit weißer Wandfarbe besprenkelt war und einen seltsam
entrückten Zug um die Mundwinkel zum Besten gab. Haderlein machte sich Sorgen.
    Als sich
Lagerfeld mühsam beherrscht an seinem Schreibtisch niederließ, eilte ihm auch
schon ein blonder Kaffeeengel in Person von Honeypenny entgegen und stellte ihm
eine große Tasse dampfendes Koffein vor die Nase. Dann baute sich die
himmlische Gesandte direkt neben dem bemitleidenswerten männlichen Geschöpf auf
und wich ihm nicht mehr von der Seite. Ihr Blick sprach eine eindeutige
Sprache. Sie hatte ihm den Kaffee gebracht, jetzt wollte sie auch wissen, was
beim Kommissar los war. All ihre weiblichen Sensoren waren auf Empfang
geschaltet.
    Lagerfeld
schnüffelte indes nur kurz und missmutig am Kaffee, nestelte dann unschlüssig
am Tassenhenkel herum und schaute schließlich demonstrativ zum Fenster hinaus,
in die gerade aufgehende Bamberger Maisonne.
    Bisher
war es ein ausgesprochen gutes Jahr gewesen. Ute und er hatten Zukunftspläne
geschmiedet, ein Haus gekauft, von der gemeinsamen Zukunft geträumt. Vor seinem
geistigen Auge hatte er bereits die komplette Inneneinrichtung gesehen. Was
hatten sie sich auf das gemeinsame Renovieren gefreut – und jetzt das.
    Haderlein
erkannte sofort, dass Lagerfeld eine Portion Aufmunterung nötig hatte. Er würde
jetzt erst einmal ergründen, wo bei seinem jungen Kollegen der Hase im Pfeffer
lag. Bevor er jedoch noch eine wohlformulierte, sensibel austarierte,
altersweise Frage artikulieren konnte, kam ihm die Sekretärin der Dienststelle
mit ihrer weniger mitleidigen, dafür aber umso direkteren Art zuvor.
    »Klappt
wohl nicht so mit dem Renovieren, was?«, schoss sie die Kugel aus der Hüfte.
»Ist wohl nicht so einfach mit dem Zusammenziehen, wie?«
    Lagerfeld
zuckte kurz. Seine Körperhaltung glich der eines geprügelten Hundes, und sein
Blick verharrte konzentriert auf einem kleinen gelblichen Schmutzfleck auf der
Fensterscheibe, als gäbe es auf der ganzen Welt keine interessantere
Beschäftigung, als die Farbvariationen eines gerade noch erkennbaren
Fliegenschisses auf Glas zu analysieren. Die mit weiblichen Rundungen recht
üppig ausgestattete Honeypenny hob zu einer weiteren sprachlichen Speerspitze
an, doch Kriminalhauptkommissar Haderlein legte seine Hand auf ihre
verschränkten Arme und bedeutete ihr, ihm die Angelegenheit zu überlassen.
Grund dafür war sein Wissen um die Ungeduld Honeypennys. Für sie war
Beziehungsstress, vor allem wenn er andere ereilte, absolutes Topentertainment,
aber in dieser Situation war ein klärendes Gespräch unter Männern von
vorderster Bedeutung. Haderleins strenger Blick ließ Honeypenny in

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