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Der Berg des Lichts

Der Berg des Lichts

Titel: Der Berg des Lichts
Autoren: Hans Kneifel
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1.
    Sie waren noch unendlich weit vom HÖCHSTEN entfernt.
    Jeder Schritt, den sie zurückgelegt hatten, zeigte ihnen die Schwierigkeit ihres Vorhabens. Jetzt fing es zu dunkeln an, die sinkende Sonne hüllte sich in faserige Wolkenschleier. Ihr letztes Licht fiel auf den riesigen Hang, der in den ewigen Wolken verschwand.
    Vor den Fremden hing in hundert Schritten Entfernung ein riesiger, dunkler Felsblock. Er glänzte vor Nässe, und Flechten, Moospolster und kleine Büsche wuchsen in den Spalten. Riesige große Höhlen, schwarz trotz der waagrechten Sonnenstrahlen, ausgefüllt von kreisförmig wachsenden Flechten, starrten als Augen hinunter auf die Wanderer. Eine scharfrückige Nase voller Kerben, von der rechts und links tiefe Rinnen in die Winkel des Rachens hinunterführten.
    Überall zeigten sich Spuren einer seltsamen Vergangenheit.
    Luxon blieb stehen, stützte sich schwer auf seinen Knüppel und atmete tief ein und aus. Ein stechender Geruch hing in der feuchten Luft. Langsam drehte er sich um. Sein Fuß schmerzte; unter dem Ballen hatte er eine blutige Blase.
    Die Landschaft am Fuß des riesigen Berges verschwamm in den abendlichen Nebelschwaden. Sonnenlicht strahlte auch auf das weit entfernte Meer. Schwach zeichneten sich in der fruchtbaren Landschaft die Kanäle des Feuerlands ab, die ins Meer mündeten.
    Wieviele Tage lagen seit den erschreckenden Stunden und heute, zwischen dem Untergang der Flotte von Logghard und dem beschwerlichen Aufstieg zum Berg des Lichts?
    Luxon hatte das Zählen vergessen. Wieviele Tage es auch immer waren – für Luxon, seine Krieger und Freunde, und für die Gefangenen spielte es keine entscheidende Rolle.
    »ALLUMEDDON wird uns überraschen«, sagte er ohne viel Hoffnung. »Und wenn es hier an der Flanke des Berges ist.«
    Seit das Floß von Onaconz aus sich der Strömung anvertraut hatte, seit die Ayadon mit Varamis und Hrobon auf Kreuzkurs gegangen war, gegangen war, schien ein Tag wie der andere zu sein. Floßvater Giryan brachte seine Ladung in der langsamen, aber zuverlässigen Strömung bis hinauf nach Atopeko, der letzten Insel, die man auch als die Spitze des Einhorns bezeichnete.
    »Sollen wir hier lagern, Luxon?« fragte Zarn und warf sein schweres Bündel zu Boden.
    Luxon schüttelte den Kopf. Er warf einen Blick auf die große und rätselhafte Höhlung des Loches unter der Nase und über dem kantigen Kinn des Felsblocks. Der Eingang schien grundlos zu sein und direkt in den Bauch des Berges zu führen.
    »Noch nicht. Wir holen Atem und rasten dort drüben. Dort gibt es, denke ich, mehr Schutz.«
    »Kommst du nach?«
    »Natürlich. Gebt auf Aiquos acht.«
    Zarn stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus. Er deutete auf Yzinda, die ihre Hand am Dolchgriff hatte.
    »Das ist meine geringste Sorge, wenigstens jetzt«, knurrte er. Luxon nickte. Er wußte, daß sie seit dem Betreten des festen Landes unausgesetzt beobachtet wurden.
    Bisher hatte er selber nur viermal flüchtig ein Gesicht gesehen; große, brennende Augen, die sofort wieder hinter Büschen, Felsen oder Mauerbruchstücken verschwanden, wenn er den Kopf drehte und versuchte, den Späher zu erkennen. Es lag für ihn eine gewisse grimmige Befriedigung darin. Die anderen waren halbwegs ohne Macht – noch .
    Luxon und seine kleine Gruppe waren den »östlichen Weg« gegangen. Giryan hatte das Floß vom letzten Landepunkt aus in die Kanäle gesteuert, in den Hauptweg jenseits von Onta-Hokap. Ohne Schwierigkeiten hatte die Königin der Wellen und Strömungen den letzten Hafen erreicht.
    Veta-Talum hieß dieser Hafen, der schon von der Silhouette des Berges überragt wurde.
    Der Berg des Lichts. Sitz des HÖCHSTEN. Ein gleichmäßiger Kegel mit geschwungenen Hängen, die in erstaunlicher Unregelmäßigkeit sich hinunterzogen in die Ebenen von beängstigender Fruchtbarkeit.
    Welche Botschaft hatte Necron jüngst übermittelt?
    Das HÖCHSTE stirbt…
    Und jetzt waren sie allein und auf sich selbst gestellt. Diejenigen, von denen sie beobachtet wurden, halfen ihnen nicht. Aber sie griffen auch nicht an. Das Faustpfand, vier wichtige Geiseln, hielt sie davon ab. Die Gruppe, die Zarn anführte, kämpfte sich wie ein Zug Ameisen langsam, lautlos und hartnäckig aufwärts durch das unbekannte Land.
    Wo war Necron?
    Seit Tagen hatte es keinen Augenkontakt mehr gegeben. Irgendwo zwischen dem Fuß des mächtigen Berges und der riesigen, kranzförmigen Wolke mußte er sein! Wo?
    Luxon riß sich endgültig von dem Bild los,

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