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Der amerikanische Buergerkrieg

Der amerikanische Buergerkrieg

Titel: Der amerikanische Buergerkrieg
Autoren: Michael Hochgeschwender
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Einleitung:
Der amerikanische Bürgerkrieg im internationalen Kontext
    Am Ende stand die Frage nach dem Sinn, nach dem Warum des vieltausendfachen Leidens, des massenhaften Elends und Sterbens, das über weite Teile der Vereinigten Staaten gekommen war. Ganze Landstriche im oberen Süden, in Virginia, im Mississippital oder in Georgia, waren wüst und leer. Angesichts einer mangelhaften Statistik läßt sich bis zum heutigen Tage kaum genau angeben, wie viele Menschen dem vierjährigen Schlachten tatsächlich zum Opfer gefallen waren. Die Schätzungen schwanken zwischen 400.000 und 1,1 Millionen Toten – die Mehrheit der Forscher geht heute von ca. 640.000 Toten aus, manche halten 900.000 Tote für realistischer –, die Kriegskosten dürften sich auf 3,5 bis 8 Milliarden Dollar belaufen haben, zu denen noch 3 Milliarden Dollar an Veteranenpensionen hinzukamen. Damit zählte der amerikanische Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865 zu den blutigsten und teuersten militärischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts, neben dem Taiping-Aufstand in China, den Napoleonischen Kriegen in Europa und dem Chaco-Krieg in Lateinamerika. Mitunter wurde sogar die These aufgestellt, er habe bereits die systematische und totale technologische Kriegführung des Ersten Weltkriegs vorweggenommen. Obwohl diese These in jüngerer Zeit mehr und mehr relativiert werden mußte, bleibt doch die Erkenntnis, daß es sich um einen epochalen Krieg handelte, nicht allein für die amerikanische Geschichte. Der Bürgerkrieg stand typologisch an der Schnittstelle zwischen dem gehegten dynastischen Krieg des 18. Jahrhunderts, dem bürgerlichen National- und Volkskrieg des 19. Jahrhunderts und dem ideologisch-technologischen Massenkrieg des 20. Jahrhunderts. Seine Bedeutung wurde freilich in Europa bald von den ganz anders gearteten Erfahrungen der deutschen und italienischen Einigungskriege zwischen 1859 und 1871überlagert, weswegen die Lehren aus dem amerikanischen Konflikt im Grunde erst 1914 zur Gänze gezogen werden konnten. Doch obwohl die europäischen Militärs und Zivilisten das Geschehen in den USA nicht richtig ernst nahmen, standen die Amerikaner vor den Trümmern ihres Staatswesens und waren dadurch regelrecht gezwungen, sich den drängenden Fragen nach den Ursachen und der Bedeutung dieses schmerzlichen und opferreichen Ringens zu stellen.
    Die Diskussion der Ursachen und der Bewältigungsstrategien werden dementsprechend auch wesentliche Teile dieser knappen Untersuchung ausmachen. Gleichzeitig aber wird es darum gehen, die Kampfhandlungen im engeren Sinn sowie ihren kulturellen und technologischen Kontext zu verdeutlichen. Ein Krieg ist mehr als die Summe seiner Schlachten. Im Krieg kämpfen und leiden Menschen, manchmal langweilen sie sich auch einfach nur. Es werden Emotionen entfacht, um sie zu motivieren, Propaganda steht neben nicht selten banaler Lagerunterhaltung. Schließlich bedarf es im Krieg technischer Mittel, man benötigt Waffen, Munition, Nachschub, entsprechende Transportmittel und eine ausgefeilte Logistik. All dies wird im Folgenden in der gebotenen Kürze dargelegt werden.
    Ein Punkt kann allerdings aufgrund der Konzentration auf die komplexe inneramerikanische Gemengelage nur angerissen werden, obwohl er seine eigene Bedeutung hat: die internationalen, ja globalen Zusammenhänge, in welche der amerikanische Bürgerkrieg eingebettet war. Bei dem blutigen Ringen ging es auf der politischen Ebene um die nationale Einheit und territoriale Integrität des Staatswesens, im sozioökonomischen Bereich um die Durchsetzung des kapitalistischen Marktparadigmas und auf der soziokulturellen Ebene um die Etablierung einer vorwiegend bürgerlichen Gesellschaft mitsamt den dazugehörigen Wertesystemen. Diese drei strukturellen Prozesse blieben nun indes zu keinem Zeitpunkt auf die USA beschränkt, obgleich sie im Laufe des frühen 19. Jahrhunderts spezifisch amerikanische Züge annahmen. Sie waren ganz im Gegenteil Ausfluß eines anhaltenden historischen Trends, der die westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaften, in Ansätzen aber auch Gesellschaftenjenseits dieses nordatlantischen Kulturraums spätestens seit Beginn der Industriellen Revolution erfaßt hatte. Zudem waren die Ideen von der einen und unteilbaren, durch eine Verfassung konstituierten, marktwirtschaftlich organisierten, bürgerlich dominierten Nation allesamt Produkte einer in wachsendem Maße als fortschrittlich empfundenen

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