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Den Tod vor Augen - Numbers 2

Den Tod vor Augen - Numbers 2

Titel: Den Tod vor Augen - Numbers 2
Autoren: Rachel Ward
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JUNI 2027 – ADAM
    Das Klopfen an der Tür ertönt am frühen Morgen, als es gerade hell wird.
    »Aufmachen! Aufmachen! Wir haben einen Evakuierungsbefehl. Verlassen Sie in fünf Minuten Ihre Wohnungen. Ich wiederhole: in fünf Minuten.«
    Man hört, wie sie auf dem Flur von Tür zu Tür gehen, klopfen und ständig ihre Anweisungen wiederholen. Ich hab nicht geschlafen, aber Oma ist im Sessel eingenickt, jetzt schreckt sie aus dem Schlaf und flucht.
    »Verdammte Scheiße, Adam. Wie spät ist es?« Ihr Gesicht wirkt zerknittert und alt, zu alt für lila Haare.
    »Halb sieben, Oma. Sie sind da.«
    Sie sieht mich müde und argwöhnisch an.
    »Das war’s dann also«, sagt sie. »Lass uns besser unser Zeug zusammensuchen.«
    Ich schaue zurück und denke: Ich geh nirgendwohin. Nicht mit dir.
    Wir haben damit gerechnet. Wir haben vier Tage in der Wohnung ausgeharrt und gesehen, wie das Wasser in der Straße stieg. Sie hatten uns gewarnt, dass der Deich wahrscheinlich brechen würde. Er war vor Jahren gebaut worden, bevor der Meeresspiegel stieg, und einem weiteren Sturm mit Springflut würde er nicht mehr standhalten.
    Wir hatten geglaubt, das Wasser werde kommen und wieder gehen, aber es kam und blieb.
    »Ich nehme an, so sah Venedig aus, bevor die Stadt untergegangen ist«, sagte Oma niedergeschlagen. Sie schnippte ihren Zigarettenstummel aus dem Fenster in Richtung Wasser. Er schaukelte die Straße entlang auf die ehemalige Uferpromenade zu. Dann zündete Oma sich eine neue Zigarette an.
    Der Strom war gleich am ersten Abend ausgefallen, dann kam nur noch braune Brühe aus den Wasserhähnen. Draußen wateten Leute durch die Straßen, warnten uns über Megafon, nicht davon zu trinken, und erklärten, es würden Lebensmittel und Wasser verteilt. Doch es kam nichts. Stattdessen versuchten wir mit dem zurechtzukommen, was wir noch hatten, aber ohne Toaster und Mikrowelle und ohne Milch, die im Kühlschrank sauer wurde, bekamen wir nach zwölf Stunden allmählich Hunger. Als Oma das Zellophan von der letzten Zigarettenpackung riss, wusste ich, dass die Lage ernst war.
    »Wenn die verschwunden sind, müssen wir hier raus, mein Junge«, sagte sie.
    »Ich geh nicht weg«, erklärte ich ihr. Das hier war mein Zuhause. Es war das Einzige, was mir von meiner Mum geblieben war.
    »Wir können nicht hierbleiben, nicht unter diesen Umständen.«
    »Ich geh nicht.« Klare Ansage. »Du kannst ja von mir aus wieder nach London abhauen. Das willst du doch.« Es stimmte. Sie hatte sich hier nie wohlgefühlt. Sie war hergekommen, als Mum krank wurde, und blieb, um für mich zu sorgen, doch sie war wie ein Fisch ohne Wasser. Von der Seeluft bekam sie Husten, der klare Himmel ließ sie die Augen zusammenkneifen und sich wie eine Küchenschabe so schnell wie möglich in der Wohnung verkriechen.
    »Hüte deine Zunge«, sagte sie, »und pack deine Tasche.«
    »Du hast mir überhaupt nichts zu sagen. Du bist nicht meine Mum. Ich werde nicht packen«, sagte ich. Und genau so war’s.
    Jetzt haben wir noch fünf Minuten. Oma rührt sich und packt weiter Sachen in ihre Mülltüte. Sie verschwindet in ihrem Zimmer und kommt mit Klamotten auf dem einen Arm und einem polierten Holzkasten unter dem andern wieder zurück. Ihre Bewegungen sind überraschend schnell. Ich spüre, wie Panik in mir hochsteigt. Ich kann hier nicht weg. Ich bin noch nicht so weit. Das ist nicht fair.
    Ich hole einen Stuhl aus der Küche und lehne ihn von unten gegen den Türgriff. Aber er hat nicht die richtige Höhe, um den Griff zu verkeilen. Deshalb greife ich, was mir in die Finger kommt, und bau eine Barrikade. Ich schiebe das Sofa herüber, stell den Küchenstuhl drauf und oben darauf den Couchtisch. Ich keuche schwer und schwitze zwischen den Schulterblättern.
    »Verdammt noch mal, Adam, was machst du?«
    Oma zerrt an meinem Arm und versucht mich aufzuhalten. Ihre langen gelben Fingernägel krallen sich in meine Haut. Ich schüttel sie ab.
    »Lass mich, Oma. Ich geh nicht weg.«
    »Sei nicht albern. Nimm deine Sachen. Du wirst noch froh sein, wenn du sie hast.«
    Ich beachte sie nicht.
    »Verdammt noch mal, Adam, jetzt sei nicht kindisch!« Sie fasst wieder nach mir, dann klopft jemand an die Tür.
    »Aufmachen!«
    Ich erstarre und sehe Oma an. In den Augen sehe ich ihre Zahl: 20022054. Sie hat noch dreißig Jahre, ungefähr jedenfalls, aber das würde man nie von ihr denken. Sie sieht aus, als ob sie demnächst abtreten würde.
    »Aufmachen!«
    »Adam,

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