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Den Tod im Griffl - Numbers 3

Den Tod im Griffl - Numbers 3

Titel: Den Tod im Griffl - Numbers 3
Autoren: Rachel Ward
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FEBRUAR 2030
    Das kleine Mädchen sitzt auf der Erde. Es hat den Wald erkundet, doch jetzt sind die Beine müde und sie will nicht mehr weiterlaufen. Auf jeden Fall ist es schön hier. Mit all den Steinen, Blättern und Zweigen um sie herum könnte sie ein Vogelnest bauen oder eine Wohnung für Mäuse. Ihre Finger sind beschäftigt – heben Dinge auf, legen sie wieder weg, setzen sie zusammen –, auch ihr Kopf ist beschäftigt. Sie malt mit einem Stöckchen Zeichen in die Erde – Linien und Kreise – und der Mund bewegt sich dazu, sie singt ein Lied vor sich hin, das ihre Zeichnungen begleitet.
    Sie hört die Motorräder, bevor sie sie sehen kann, ein Heulen im Hintergrund, das zu einem Dröhnen wird und sich zu einem Donnern steigert. Sie hält sich die Hände auf die Ohren. Noch nie hat sie ein Motorrad gesehen, jetzt sind es drei, groß, schwarz und schnell, die dunkle Rauchfahnen ausstoßen. Das Mädchen erhascht zwischen den Bäumen einen Blick auf Blech, Gummi und Leder.
    »Drachen« , flüstert sie und die Pupillen in ihren blauen Augen weiten sich.
    Die Motorräder werden langsamer. Sie bleiben stehen. Jetzt knurren sie leise, donnern nicht mehr, doch sie sind zu nah. Das Mädchen sitzt ganz still da. Sie kann sie sehen. Ob auch die Drachen sie sehen? Der vordere nimmt einen Teil seines Kopfs ab. Darunter steckt ein Mann. Er lässt seinen Blick über die Straße schweifen, die durch den Wald läuft. Einen Moment lang begegnen sich ihre Blicke.
    Das Gesicht des Mannes ist blass, doch die Farben, die ihn umgeben, sind dunkel, so wie seine Kleidung und sein Drache. Ein Mischmasch aus Grau, Violett und Schwarz. Sie mag diese Farben nicht. Solche Menschenfarben hat sie noch nie gesehen. Und sie mag nicht, wie er sie ansieht. Seine Augen sind fast schwarz, sie tun ihr weh.
    Sie schließt schnell ihre Augen und vergräbt das Gesicht zwischen den Knien.
    »Irgendwas gesehen, Chef?«
    »Bloß ein Kind. Fahren wir weiter.« Seine Stimme klingt rau und tief.
    Das Knurren der Drachen verwandelt sich wieder in ein Donnern und dann sind sie weg.
    Das Mädchen blinzelt zwischen den Wimpern hindurch. Es ist nichts mehr davon zu sehen, dass die Drachen da waren, bis auf eine Staubwolke, die in der Luft hängt und schließlich herabsinkt. Langsam streckt sich das Mädchen, sammelt einen Armvoll Zweige zusammen, zerstört ihre Bodenzeichnungen und geht. Wenn es hier Drachen gibt, wird sie ein Nest bauen müssen, um die Vögel und Mäuse zu schützen. Und es am besten so groß machen, dass es auch sie schützt. Sie häuft immer mehr um sich herum, duckt sich hinein und schließt die Augen. Dann wartet sie, dass die Träume anfangen – die Farben und Bilder, die sie einschlafen lassen.
    Sie wacht erst wieder auf, als sie hört, wie jemand ihren Namen ruft.
    »Mia! Mii-aa! Wo bist du? Mii-aa!«
    Sie rührt sich nicht. Sie will sehen, ob das Nest gut ist oder ob man sie findet. Sie spielt gern Verstecken.
    »Mia! Mii-aa! Wo bist du? Wo steckst du?«
    Die Stimme kommt näher. Das Mädchen rollt sich ganz fest zusammen und vergräbt sein Gesicht wieder zwischen den Knien. Es macht Spaß, dieses Spiel.
    Sie hört Schritte durchs Unterholz knacken. Sie kommen näher und näher und näher …
    »Mia! Hier bist du!«
    Plötzlich stehen zwei Füße direkt vor ihrem Nest. Mia dreht den Kopf ein wenig und schielt nach oben. Die Frau wirkt sauer. Die Haut zwischen ihren blauen Augen ist gerunzelt. Mia mag das nicht. Sie will, dass das Gesicht der Frau lächelt oder lacht. Doch die Farben in ihrem Gesicht sind wie immer – ein Hauch von Blau und Lila umgibt sie, Farben, die nur eines bedeuten – Mummy.
    Mia schiebt den Kopf wieder zwischen die Knie. Sie will nicht, dass Mummy sie ausschimpft.
    Sarah beugt sich zu ihr herunter und packt ihre Tochter unter den Achseln. Sie hebt sie hoch, so wie sie ist – noch immer zu einer Kugel zusammengerollt –, und hält sie dicht an sich.
    »Mia«, sagt sie. »Du musst da bleiben, wo ich dich sehen kann. Hörst du?«
    Mia steckt den Daumen in den Mund.
    »Ich hab einfach Angst gehabt, ich dachte … ich dachte, du wärst verschwunden. Ich bin nicht sauer.«
    Mia nimmt den Daumen aus dem Mund und schaut zu ihr hoch. Dann streckt sie die Arme vor und schlingt sie um ihre Mummy. Alles ist in Ordnung – diesmal wird es kein Schimpfen und keine Tränen geben.
    »Drachen«, sagt sie. »Mia sehn Drachen.«
    Sarah schaut zur Straße. Vor ein paar Minuten hat sie Motorräder gehört.

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