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Delhi Love Story

Delhi Love Story

Titel: Delhi Love Story
Autoren: Swati Kaushal
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Eins
    Neu-Delhi. Die Stadt hat sich verändert, seit ich das letzte Mal hier war. Sie ist dichter, schwärzer, aufgeplatzt wie ein riesiger Pollensack. Ihre Konturen sind nicht mehr so klar wie früher, sondern fransig, zerschnitten von all den Wolkenkratzern, Straßenüberführungen und riesigen Anzeigetafeln. Und überall sind Menschenmassen. Die neuen Gebäude sind höher, schmaler, die Slums sind größer; die Farben der Stadt erscheinen schwärzer vom Ruß und doch greller denn je. Delhi hat an Bissigkeit gewonnen und den vertrauten Geruch behalten. Die Hitze der alten, neuen Stadt umgibt mich wie ein Fell, sie schlägt mir ins Gesicht, macht mich benommen. Ich schließe die Augen; der Vinylsitz des Taxis ist klebrig und heiß. Ich denke an das beruhigende Grau und Weiß unseres Gartens im Winter.
    Im Winter stachen die wenigen kahlen Bäume in unserem Garten stark hervor: die Birke, die Pinie, die dürre Esche und die einsame Ulme, die ihre Äste über das Dach unserer Veranda spannte. Zwischen den Zweigen glitzerte das Sonnenlicht. Wenn ein leichter Wind ging, konnte man Sterne tanzen sehen.
    Im Winter deckte endloser, weicher, flaumiger Schnee den Garten zu wie eine Daunendecke, unter deren Weichheit man zarten weißen Träumen nachhängt. Überall standen dürre Sträucher, die versprachen, über
den Schlaf zu wachen und mit ihren Eiszapfen die sanfte, weiße, kühle Decke fest über dem Träumenden zu halten.
    Im Winter herrschte Stille im Garten. Es war so still, dass man nach oben blicken und die Laute des Universums hören konnte: die Explosionen auf Jupiter, die Stürme auf Saturn und das Knacken im sagenumwobenen Eis auf dem Mars. Man konnte das Einschlagen der Meteore hören, das Flackern des Sonnenfeuers und die Geburtswehen viele Galaxien weit entfernter Planeten.
    Jeden Winter spielte die Zeit im Garten verrückt. Nachts, wenn man alleine war und in die stille weiße Leere hinausblickte, ließ sie plötzlich die Hüllen fallen wie eine betrunkene Diva und badete nackt in der kalten Nachtluft. Sie breitete die Arme aus und schlug Räder. Sie riss einen mit in ihrem wilden Tanz und spuckte einen dann unversehens wieder in der Kälte aus.
    Kalt war es im Garten. Eiskalt. Jeden Winter kroch die süße Kälte vom Nordpol herunter und fror alle Schmerzen ein. Wenn man mit kalten Wangen unter der Pelzkapuze die Auffahrt vom Schnee freischaufelte, bemerkte man das zunächst gar nicht. Erst wenn die Schneeberge langsam schmolzen, wenn die jungen Eichhörnchen und Gänse und Streifenhörnchen die Herrschaft über Garten und See zurückeroberten, wurde einem klar, dass ein wesentlicher Teil von einem fehlte. Der Frühling brachte auch die Tränen.

    Ich öffne meine Augen, in denen neue Tränen brennen. Vor mir sehe ich den ausgefransten Hemdkragen des Taxifahrers. Er ist zerknittert und voller Schweißflecken. Aus ihm wächst ein brauner, faltiger Hals wie ein dicker Baumstumpf. Wie der Hals meines Vaters.
    Mein Vater war unmusikalisch, sprach laut und sang gerne. Jeden Morgen nach dem Aufwachen hörte ich als Erstes seine Stimme.
    Guten Morgen, Ani-Bunny …
    Annie, Papa! Ich heiße Annie!
    Funny Ani, how you kill me, aha, sunny Ani!
    Das sollte ein Song von Abba sein. Weder der Text noch die Melodie war auch nur ansatzweise wiederzuerkennen. Ich warf mein Kissen nach ihm und er lachte. Seine dicken Augenbrauen – ich hätte Zöpfchen hineinflechten können – tanzten in seinem Gesicht. Die frisch rasierten Wangen und seine riesige Nase dehnten sich beim Lachen.
    Ani, Liebling!
    Er trug mich oft auf dem Rücken, auch dann noch, als ich eigentlich schon zu groß dafür war.
    Rock-a-bye-Ani
    Papa! Hör auf!
    Auf dem Baum …
    Paapaa!
    Letztes Halloween hörten meine Mutter und ich auf, ihn zu vermissen. Es war schon ein ganzes Jahr vergangen. Meine Mutter verkleidete sich als Wichtelfrau, ging zur Halloweenfeier ins Büro und versprach, betrunken zurückzukommen. Ich verteilte grünes Gel in meinem
Haar, verpasste mir ein falsches Augenbrauenpiercing und ging mit Jessica und Jaime für eine Runde »Süßes sonst gibt’s Saures« nach draußen.
    Wir hatten einen Riesenspaß. Jessica fuhr ihren Ford Mustang mit offenem Verdeck und der Hexenhut saß ihr schief auf dem Kopf. Auf halbem Weg begann es zu schneien. Unsere Haare wurden weiß. Wir machten eine Pause am Seeufer und sahen zu, wie unser Atem kleine Wolken formte. Jaime nestelte an ihrem roten Haar herum und erklärte wortreich, weshalb Brad Anderson

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