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Delete: Thriller (German Edition)

Delete: Thriller (German Edition)

Titel: Delete: Thriller (German Edition)
Autoren: Karl Olsberg , Karl-Ludwig von Wendt
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sorgfältig analysiert und aufbereitet. Doch das nützte wenig. Die Drahtzieher des Menschenhändlerrings waren viel zu geschickt, um nachweisbare Straftaten zu begehen. Die einzige Chance, sie zu überführen, bestand darin, sie beziehungsweise ihre Handlanger in flagranti zu erwischen. Genau das war nun schiefgegangen, und es würde lange dauern, bis sie wieder eine ähnliche Gelegenheit bekamen, wenn überhaupt jemals.
    Er nahm sich die Vernehmungsprotokolle der Fahrer vor, die die verdächtigen Fahrzeuge gesteuert hatten. Wie er vermutet hatte, leugneten sie übereinstimmend, zu dem Treffpunkt unterwegs gewesen zu sein. Sie konnten sogar Papiere vorweisen, denen zufolge sie als Kuriere beauftragt worden waren, Ladepapiere im Hafen abzuholen. Dass jemand gleich fünf Kuriere gleichzeitig losschickte, war zwar ungewöhnlich, aber natürlich keine Straftat. Die Aussagen waren absolut wasserdicht. Dass drei der fünf Fahrer vorbestraft waren, half genauso wenig weiter.
    Also blieben nur die beiden Mädchenhändler. Sie würden wegen Menschenhandels angeklagt und für viele Jahre hinter Gittern verschwinden. Doch natürlich verweigerten sie auf Anraten ihrer Anwälte jede Aussage. Sie wussten, dass ihr Leben nichts mehr wert war, falls sie ihre Auftraggeber verrieten.
    Eisenberg seufzte. Er sah auf die Uhr. Halb sechs. Normalerweise achtete er nicht auf Dienstzeiten, doch heute würde er nichts Sinnvolles mehr ausrichten. Also fuhr er den Computer herunter und machte Feierabend.
    Seine kleine Zweizimmerwohnung in Altona kam ihm noch leerer vor als sonst. Vielleicht, weil er ungewöhnlich früh zu Hause war. Er sah sich um und erkannte, dass sein Apartment mit Ausnahme einiger Fotos seiner beiden Kinder auf dem Regal und ein paar Büchern nicht von einer anonymen Ferienwohnung zu unterscheiden war. Dieser Eindruck wurde durch den antiseptischen Duft übertriebener Hygiene verstärkt, den Consuela, die portugiesische Reinigungskraft, jeden Donnerstag hinterließ.
    Er ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Sein dunkles, graumeliertes Haar war noch immer dicht. Doch sein Gesicht kam ihm auf einmal müde und alt vor. Waren die Falten über seinen Augenbrauen sonst auch so tief? Waren seine Wangen schon immer so schlaff gewesen? Nur die schiefe, leicht platt gedrückte Nase erschien ihm vertraut – wie ein asymmetrischer Fels, der der Brandung der Zeit trotzte.
    Er machte sich eine Fertigsuppe. Gewöhnlich aß er abends nicht zu Hause, sondern begnügte sich mit einem Sandwich im Büro oder einem Döner unterwegs. Es fühlte sich fremd an, allein am Esstisch zu sitzen, der viel zu groß für ihn war.
    Eisenberg hatte praktisch kein Privatleben. Er hatte sich immer eingebildet, keines zu brauchen. Nach einem harten Arbeitstag ein bisschen Fitnesstraining, vielleicht noch etwas Fernsehen, dann früh schlafen gehen, früh aufstehen, joggen, bevor er sich wieder zum Dienst aufmachte. Er war immer irgendwie stolz auf diese Lebensweise gewesen, die ihm asketisch vorgekommen war.
    Nun hatte er plötzlich das Gefühl, etwas Wesentliches verpasst zu haben.
    Er überlegte, ob er seine Kinder anrufen sollte. Michael war inzwischen vierundzwanzig und studierte Maschinenbau in Karlsruhe. Die drei Jahre jüngere Emilia machte eine Ausbildung als Krankenpflegerin. Sie lebte noch bei ihrer Mutter in München. Diese Nummer wollte Eisenberg ganz sicher nicht wählen. Und was hätte er mit Michael besprechen sollen? Ihm von seinem vermasselten Einsatz und der Zurechtweisung durch den neuen Chef vorjammern?
    Er schaltete den Fernseher ein und starrte eine Weile auf die flackernden Bilder, bis er merkte, dass er eine Vorabendserie sah, die ihn nicht im Geringsten interessierte. Er schaltete das Gerät wieder ab und ging zum Bücherregal. Polizeifachliteratur, ein paar Biografien und Bücher über Geschichte und Philosophie, die er vor langer Zeit von Iris geschenkt bekommen hatte. Sie hatte immer viel gelesen, aber alle ihre Bücher mitgenommen, als sie ausgezogen war. Das war schon verdammt lange her. Trotzdem sah er ihr Gesicht immer noch überdeutlich vor sich: ihre vollen Lippen, die hohen Wangen, die leicht schrägen braunen Augen, das lange dunkle Haar.
    Er nahm ein Buch heraus, stellte es wieder zurück, schlug ein anderes auf, doch nichts konnte seine Aufmerksamkeit fesseln. Seine Wohnung kam ihm plötzlich eng vor. Vielleicht sollte er irgendwo ein Bier trinken. Aber so ganz allein? Er könnte sich mit einem Kollegen

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