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Das Zimmer

Das Zimmer

Titel: Das Zimmer
Autoren: Andreas Maier
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    Das Zimmer meines Onkels J. liegt im ersten Stock links zur Uhlandstraße hin, direkt gegenüber dem Badezimmer, das mein Onkel wahrscheinlich gar nicht benutzen durfte. Meistens, wenn ich als Kind bei meiner Großmutter war, schlief er, dann stank das ganze Haus. War er weg, das heißt in Frankfurt, Pakete schleppen, blieb der Geruch dennoch. Im Grunde roch das Haus jahrelang nach dem Silagegeruch J.s. Das fing an, als ich acht, neun Jahre alt war. Vorher hatte er sich noch vergleichsweise regelmäßig gewaschen. Bis heute erinnert sich meine Nase jedesmal an J., wenn ich den Keller in der Uhlandstraße betrete, seinen Bezirk. Dort unten hatte man ihm eigens ein Badezimmer eingerichtet, mit Duschkabine und Toilette. Er führte dort eine Kellerexistenz als eingebildeter Handwerker. J. war in einer Steinmetzfamilie aufgewachsen, umgeben von Handwerkern. Der Betrieb hatte etwa dreißig Angestellte und war im drei Kilometer entfernten Friedberg ansässig. Als Jugendlicher war Onkel J. oft dort, man hämmerte und sägte und schnitt und polierte, riesige Lastkräne waren über das gesamte Gelände verstreut, und es gab Techniker, die die Maschinen instand hielten, Arbeiter, die schweißten und frästen, einen Schmied, der die Werkzeuge herstellte, Dinge paßgerecht machte, das faszinierte meinen Onkel, er hielt sich im folgenden selbst für einen Handwerker und begann, sich im Keller in der Uhlandstraße eine Werkstatt einzurichten, freilich nichts anderes als eine Phantasiewerkstatt, eine Scheinwerkstatt. Noch heute hängen dort Schraubenkästen an der Wand, es liegt immer noch diverses Werkzeug herum, auch wenn das allermeiste schon vor zwanzig Jahren weggeräumt wurde, nach seinem Auszug (J. mußte das Haus nach dem Tod seiner Mutter, meiner Großmutter, bei der er zeit ihres Lebens gewohnt hatte, bis über sein sechzigstes Lebensjahr hinaus, verlassen). Ein Spannbock ist noch da, und ich erinnere mich daran, wie J. einstmals in diesen Spannbock, als er noch lebte und noch in der Uhlandstraße wohnte und seine Mutter noch da war und die Welt für ihn in gewisser Weise also noch in Ordnung und nicht völlig beschädigt bzw. zerstört … wie er einstmals dort Schrauben einspannte, mit großer Sorgfalt eine unter mehreren Eisenfeilen auswählte, die Position der Schraube im Spannbock nach einer bestimmten Idee oder einem bestimmten handwerklichen System, das er sich einbildete, noch einmal überprüfte und korrigierte und dann zu feilen begann, wobei ich, das Kind, nie unterlassen konnte zu fragen, wozu er das gerade mache, d. h. zu welchem Zweck er zum Beispiel gerade an der Schraubefeile. J. erklärte mir daraufhin mit einer gewissen verzweifelten Wut sämtliche Instrumente, die er gerade verwendete (»der Spannbock ist dazu da, eine Schraube einzuspannen, siehst du, hier öffnet man ihn, so schließt man ihn«), aber auf meine Frage ging er nicht ein, sie schien für ihn nicht zu existieren. Er merkte jedoch, daß etwas nicht stimmte, und das machte ihn wütend. Mit der Zeit begriff er, daß ich ihm sein Feilen an der Schraube nicht glaubte. Da stand er, der damals etwas über vierzigjährige Onkel J., mit mir als Kind im Keller, seinem Bezirk, in der Werkstatt, in der er sein durfte, was er nie war und auch nie hatte werden dürfen, und das Kind fragte nach, und Onkel J. feilte nur mit immer größerer Wut, bis er gänzlich in Gefluche und danach in Sprachlosigkeit verfiel.
    Ich weiß, daß es mich immer gruselte, wenn ich den Keller betrat, da ich wußte, er ist, zumindest in Teilen, der Bereich des Onkels. Es gab dort unten auch die Waschküche, es gab den Raum zum Trocknen der Wäsche, den Weinkeller, J.s Werkstatt lag gleich neben dem Trockenraum, und man mußte durch die Werkstatt hindurchlaufen (genaugenommen handelt es sich um einen Raum von sechs oder sieben Quadratmetern), um zu der kühlen Kammer mit dem Wein zu gelangen. Somit war die Werkstatt ein öffentlich passierbarer Raum, anders als J.s Zimmer im ersten Stock. Ich habe J. meistens in der Werkstatterlebt. Im Wohnzimmer hielt er sich zur damaligen Zeit selten auf, zumindest nicht dann, wenn jemand zugegen war im Haus meiner Großmutter. Die Werkstatt war sein Freizeitvergnügen, vielleicht auch sein Lebenssinn, abgesehen von den Frauen, über die ich nur Vermutungen habe, nur Vermutungen und einige allerdings deutliche Hinweise. Ich muß gestehen, die erste Zeit hielt ich J. tatsächlich für einen Handwerker, für einen Eisenspezialisten.

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