Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das Zauberschloß

Das Zauberschloß

Titel: Das Zauberschloß
Autoren: Ludwig Tieck
Ads
Nur nicht auf diese Art räsonnirt! rief der alte Freimund aus; das Leben läßt sich einmal nicht so betrachten und noch weniger nach einigen Maximen einrichten. Hast Du nicht die Fähigkeit, jeden einzelnen Fall recht als einen einzelnen, aus seinen fernen und nächsten Bedingnissen herausgestalteten, zu erwägen, ihn mit Geschicklichkeit nach seinen Umständen zu lenken, und ihn so seiner Bestimmung entgegenzuschicken, so wirst Du niemals ein brauchbarer Geschäftsmann werden, ja auch als Privat immer nur an Zufälligkeit laboriren, ohne Deines Lebens froh zu werden.
    Zufälligkeit, Zufälle! antwortete ihm Schwieger: diese sind es ja eben, die uns allenthalben zu thun machen. Und vollends, wenn nun gar, indem noch obenein, wenn etwa – –
    Donnerwetter! rief Freimund, indem ihm der Wachsstock aus der Hand fiel, mit welchem er mühsam in einen Wandschrank hineinleuchtete; Sebastian! Angezündet!
    Der Diener kam, hob die Wachsscheere vom Boden auf, und Freimund legte tiefathmend das lange thönerne Rohr, an welchem er geraucht hatte, auf den Tisch. Mit einem Seufzer setzte er sich auf das Sofa, in tiefen Gedanken verloren. Der Diener brachte das Licht, Freimund nahm es in die Linke, die Pfeife in die Rechte, und ging wieder an den Schrank, mühsam und ängstlich in Papieren suchend, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Es war in den heißesten Tagen des Julius und dem Kramenden war es sehr mühsam, das Licht zu lenken, mit der rechten Hand die Akten zu sondern, sie anders zu packen und schnell einzusehn und wieder, auf Augenblicke mindestens, die Pfeife festzuhalten, die immer dem klemmenden Munde zu entfallen drohte. Wenn es heller Sommertag ist, fing Schwieger bescheidenen Tones an, indem die Sonne scheint, dazu auch der Schrank dem Fenster gegenüber steht, und man das Rauchen nicht lassen will, so könnte unmaßgeblich das Licht, und die ganze Qual, die es macht, als überflüssig erscheinen.
    Freimund drehte sich mit einem verwunderten Gesichte herum, sah dem alten Freunde mit aufgerissenem Auge ins Antlitz, setzte das brennende Licht verdrüßlich auf den Tisch und sagte halb lachend, halb zornig: Dummer Mensch! Konntest Du mir denn das nicht früher sagen?
    Einem Salomo, antwortete jener, der Alles so genau kalkuliren und im weisheitsvollen Leben sich durch Nichts will stören lassen, sagen wollen, er brauche am hellen Tage keine Kerze, hieße sich doch zu viel herausnehmen.
    Es ist zu toll! rief Freimund aus, und auch Sebastian erinnert mich nicht daran.
    Wozu? antwortete Schwieger; sieh, Freund, Du, der zerstreuteste aller Menschen, nimmst es ja Jedem übel, der Dich auf diese Schwäche aufmerksam machen will. Neulich, als Du in Geschäften über Land reisen mußtest, als Du die Nacht gearbeitet hattest, und dort an Deinem Tische saßest – Sebastian! so riefst Du laut und heftig; der Alte kam; wir fahren gleich! Sieh nach, ob die Sonne schon aufgegangen ist. Sebastian ging, um aus dem andern Zimmer auf den Balkon zu treten. Dummkopf! Einfaltspinsel! Erschreckt kehrte Bastian um. Immer zerstreut und gedankenlos! schreist Du wieder; da, das Licht genommen! Der Alte, ohne die Miene zu verziehen, nahm die Kerze, leuchtete in das Morgenroth hinein, kam zurück und sagte: Alles hell und klar, der Wind hat's Licht ausgeblasen, konnte aber auch im Finstern die aufgehende Sonne bemerken. Du hörtest nicht einmal auf seine unschuldige Bosheit und sprangst in den Wagen, und als ich Dich beim Abschied bitten wollte, Deinen Leuten keine solche Blöße zu geben, warst Du gegen mich grob, und vergaßest alsbald wieder, wovon die Rede gewesen war. Du hast genug mit Dir selber zu kämpfen, es braucht keines Zufalls und keiner Verwicklung, um Deine Plane zu kreuzen und Dich zu beängstigen.
    Freimund setzte sich verdrüßlich nieder. Kann man denn wohl Alles, wenn man viele Geschäfte betreibt, so genau im Kopfe behalten? Eines verdrängt das Andre, fuhr er schmollend fort, und so jetzt: die Verheirathung meiner Tochter ist es ja doch vorzüglich, die mich in diese Unruhe bringt. Aussteuer, guter Rath, väterliche Zärtlichkeit, das Vermögen, das ihr zukommt, Beredsamkeit, sie zu stimmen, Abrathen von einer dummen Liebe, und dabei noch alle die Arbeiten, die mir als königlichem Rathe auf dem Halse liegen.
    Wenn man Dich erinnern darf, fing Schwieger wieder an: was suchtest Du so emsig und auf so complicirte Weise?
    Der Alte fuhr auf. Schweig mit Deinen Erinnerungen! rief er, es ist das Dokument

Weitere Kostenlose Bücher

Die Fährte
Die Fährte von Jo Nesbø
Gift und Geld
Gift und Geld von Carter Brown
Fey 03: Der Thron der Seherin
Fey 03: Der Thron der Seherin von Kristine Kathryn Rusch