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Das weiße Krokodil

Das weiße Krokodil

Titel: Das weiße Krokodil
Autoren: C. C. Bergius
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Der Vollendete handelt ohne Tun, wirkt, ohne wirkend zu sein – entschwindet.
    (Lao-tse)
     
     
    I
     
     
     
    Die Bulbuls sangen bereits ihr sehnsüchtiges Lied, als die ersten Strahlen der Sonne auf die plätschernd gegen die malaiische Küste schlagenden Wellen fielen und den unter einer Palmengruppe am Ufer schlafenden greisen Tie-tie weckten. Einen Augenblick lang betrachtete er verwundert seine Umgebung, dann aber schmunzelte er verschmitzt. Er erinnerte sich daran, daß er am Tage zuvor die Hauptstraße verlassen hatte, um einen Kontrollpunkt der Japaner zu umgehen, die Malaya seit geraumer Zeit beherrschten und jeden festnahmen, der über keine ordnungsgemäßen Papiere verfügte. Woher sollte er einen Ausweis haben? Er war ein unbedeutender Mönch aus Lhasa, der gelobt hatte, nichts sein eigen zu nennen, kein Lebewesen zu töten und nur von Almosen zu leben. Seit Jahren befand er sich auf der Wanderung von Tibet über Nordchina, Birma und Thailand nach Malaya, und in keinem Land hatte er jemals ein Dokument vorlegen müssen. Wozu auch? Schriftstücke ändern doch nichts am Wesen eines Menschen!
    Noch darüber lächelnd, daß es ihm auf so einfache Weise gelungen war, die neugierigen Kontrollbeamten zu umgehen, erhob sich der greise Tie-tie, faltete die Hände vor der Stirn und flüsterte, sich verbeugend: »Om mani padme hum! O Kleinod in der Lotosblume, Amen!« Dann wünschte er allen Menschen und Tieren einen angenehmen Tag und trippelte barfüßig über den grobkörnigen Sandstrand auf das Meer zu, wobei er seine gelbe Kutte hochschürzte, um mit den Füßen ins Wasser gehen zu können.
    Er bot einen komischen und gleichzeitig rührenden Anblick, als er im Bestreben, nur ja kein Lebewesen zu verletzen, behutsam in eine sanft heranrollende Welle trat und mit tiefen Zügen die nach Tang duftende Luft einatmete. Seine an Pergament erinnernden runzeligen Wangen blähten sich, und seine von ungezählten Falten und Fältchen umrahmten winzigen Augen blickten voller Dankbarkeit zum wolkenlosen Himmel empor. Sichtlich zufrieden blieb er so eine Weile im Wasser stehen, bis er sich bückte, um sich die Hände und das Gesicht zu waschen. Dann fuhr er sich durch sein schlohweißes Haar und kehrte zu der Palmengruppe zurück, unter der er die Nacht verbracht hatte.
    Ein leichter Windstoß wehte seinen wie ein Seidengespinst vom Kinn herabhängenden hauchdünnen Bart zur Seite.
    Recht so, dachte er gut gelaunt und nahm seinen Pilgerstab sowie einen kleinen Beutel auf, in den er seine Habseligkeiten verstaut hatte. Eine frische Brise sorgt dafür, daß es nicht zu heiß wird. Der Allmächtige tut wirklich alles, um uns das Leben zu erleichtern.
    Noch einmal schaute er zu den Palmen hoch, die ihn so getreulich beschützt hatten, und nachdem er sich bei ihnen dafür bedankt hatte, schlüpfte er in seine Sandalen und machte sich auf den Weg.
    Er brauchte nur etwa hundert Meter zu gehen, um die Straße zu erreichen, die er am Abend verlassen hatte. Dabei fragte er sich, ob er an diesem herrlichen Morgen als ersten einen Malaien, Inder oder Chinesen treffen würde. Er fand es wunderbar, daß in dem Land, das durch ein besonderes Ereignis zur Sehnsucht seines einfältigen Herzens geworden war, Mohammedaner und Buddhisten einträglich miteinander lebten und vielfach sogar die gleichen Tempel aufsuchten. Er hatte dies nicht gewußt, als er zu seiner über Tausende von Meilen führenden Wanderung aufgebrochen war. Seitdem er diese beglückende Feststellung aber gemacht hatte, fragte er sich jeden Morgen, wen er wohl als ersten treffen würde: einen Malaien, Inder oder Chinesen.
    Es waren jedoch nicht religiöse, sondern andere Gründe, die seine Neugier weckten. Unter den Chinesen gab es etliche, die aus dem hohen Norden ihres Landes kamen, in dem er sich über ein Jahr aufgehalten hatte. Mit ihnen konnte er sich zum Teil recht gut unterhalten, was mit Indern nur selten und mit Malaien niemals möglich war. Es ging ihm allerdings nicht darum, weitläufige Gespräche zu führen oder sich jemandem mitzuteilen; er war vielmehr auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen, an dem er ein Gelübde erfüllen und sein Leben als Einsiedler beenden wollte. Und das machte es notwendig, sich nach entsprechenden Gegebenheiten zu erkundigen.
    Mit sich und der Welt zufrieden, wanderte der greise Tie-tie an diesem, wie ihm schien, besonders verheißungsvollen Morgen über die nach Süden führende Landstraße, die nur noch zeitweilig einen

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