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Das Wahre Spiel 02 - Der Nekromant

Das Wahre Spiel 02 - Der Nekromant

Titel: Das Wahre Spiel 02 - Der Nekromant
Autoren: Sheri S. Tepper
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1
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Nekromant Neun
     
    Trotz aller Einwände hatte ich beschlossen, mich in einen Drachen zu verwandeln und mich auf die Suche nach meiner Mutter zu begeben.
    Himaggery, der Zauberer, und Windlow, der alte Seher, waren strikt dagegen. Seit fast einem Jahr – seit der großen Schlacht bei Bannerwell – lagen sie mir in den Ohren. Nachdem sie erlebt hatten, was ich dort vollbracht hatte, stand ihr Beschluß fest, daß ein solches ›Talent‹, wie ich es besaß, nicht brachliegen dürfe, und sie hatten untereinander bereits mindestens ein Dutzend Pläne ausgeheckt, wie sie es verwenden könnten. Ich dagegen wünschte mir bloß, zu vergessen. Ich wünschte mir, zu vergessen, daß ich der Besitzer – kann ich das sagen? ›Besitzer?‹ – der Spielfiguren von Barish war, zu vergessen, daß ich die schrecklichen Talente dieser Spieler erweckt hatte. Ich hatte es getan, um mein Leben zu retten, das sagte ich zumindest zu mir selbst, und ich wollte es einfach vergessen.
    Himaggery und Windlow ließen das nicht zu.
    Wir saßen in einem der lichtdurchfluteten Räume in der Leuchtenden Domäne, umgeben von Blumenduft und den überall gegenwärtigen feinen Nebelschwaden. Der alte Windlow sah mich mitleiderweckend an, die Augen fast gänzlich hinter feinen Runzeln zusammengekniffen und die Mundwinkel in verhaltenem Vorwurf nach unten gezogen. Götter des Spieles! Man hätte meinen können, er sei meine Mutter. Nein. Meine eigene Mutter hätte sich nicht eines solchen Gesichtsausdrucks schuldig gemacht, nicht diese so eigensinnige Person.
    Himaggery benahm sich auch nicht viel besser, durchmaß den Raum mit langen Schritten, wie er es oft tat, und raufte aufgebracht sein Haar, bis es sich wie Teufelshörner sträubte.
    »Ich verstehe dich nicht, Junge«, polterte er in anklagendem Ton. »Wir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Veränderungen kommen auf uns zu. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Der Gerechtigkeit wird endlich der gebührende Platz eingeräumt. Wir laden dich ein, dabei zu helfen, daran teilzuhaben, mit uns Pläne zu schmieden. Doch du willst nicht. Du versteckst dich lieber in den Obstgärten. Du bläst Trübsal und hängst wie ein halbvertrottelter Stallbursche herum, und wenn ich dich ein bißchen damit aufziehe, daß du dich wie ein in den Kinderschuhen Steckengebliebener aufführst, sagst du einfach, du möchtest dich in einen Drachen verwandeln und dich aufmachen, Mavin Vielgestalt zu suchen. Warum? Wir brauchen dich. Warum willst du uns nicht helfen?«
    Ich wappnete mich zum hundertsten Mal mit Antworten. Ich benehme mich darum wie ein in den Kinderschuhen Steckengebliebener, würde ich sagen, weil ich ihnen auch noch gar nicht richtig entwachsen bin – knapp sechzehn Jahre und mit dem Grübeln über Dinge beschäftigt, die Männer – doppelt so alt wie ich – verstören würden. Ich blase Trübsal, weil ich mir Sorgen mache. Ich verstecke mich in Obstgärten, weil ich die Diskussionen satt habe. Gerade wollte ich antworten …
    »Und warum«, donnerte er unerwartet, »gerade als Drache?«
    Die Frage überraschte mich vollkommen. »Ich dachte, das sei lustig«, gab ich matt zurück.
    »Lustig!« Er tat die Antwort mit dem abfälligen Achselzucken ab, das sie verdiente.
    »Nun«, sagte ich mit etwas mehr Schwung, »ich dachte, ich käme so schneller voran. Und sicher wird niemand wagen, mich aufzuhalten.«
    »Falsch! Beides falsch!« sagte er. »Fliege als Drache über die Gebiete und Domänen, und jeder sich gerade häutende Feuerdrache, jeder drei Tage alte Waffenträger, der imstande ist, sich drei Fuß über den Erdboden zu erheben, wird dich zu einem Spiel zu zweit herausfordern. Du wirst mehr Zeit damit verbringen, dich zu duellieren, als nach Mavin Vielgestalt Ausschau zu halten, und nach allem, was ich von deinem thalan Mertyn gehört habe, gehört sie nicht zu denjenigen, die leicht zu finden sind.« Er begleitete seine Worte mit einer Geste, die enttäuscht, ärgerlich und eigenartig mitleidig zugleich wirkte.
    »Ihr habt genug andere«, murrte ich. »Ihr habt Tausende eurer Anhänger hier. Waffenträger, die sich sofort in die Luft erheben würden, um eure Aufträge auszuführen. Portierer, die nur auf einen Wink von euch warten, um sich dorthin zu portieren, wo immer im Lande ihr es wünscht. Dämonen, die bereit sind, die Gedanken eines jeden zu lesen, der sich in weitem Umkreis der Leuchtenden Domäne nähert. Ihr braucht mich nicht. Könnt ihr einen jungen

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